Zeitloses Modell

Diese Produktion der Bayerischen Staats ­oper, in der Szene und Musik zu einer selten erlebten Einheit verschmelzen, gehört zu den wenigen Sternstunden des neueren deutschen Musiktheaters. Und sie gewinnt möglicherweise noch in der Video-Adaption, da Andy Müller durch geschickte Kameraführung den Blick auf wesentliche szenische Details lenkt. Dmitri Tcherniakov, Regisseur und Bühnen ­bild ­ner in Personalunion, hat die Handlung aus ihrem historischen Rahmen entrückt und zu einem zeitlosen Modell komprimiert. Die Nonnen, die zur Zeit der Französischen Revolution den Märtyrer ­tod sterben, stehen hier stellvertretend für alle Glaubensgemeinschaften, die in Ab ­ge ­schlos ­senheit schwere Kämpfe gegeneinander und mit sich selbst und ihren Zwei ­feln auszutragen haben.

Auf der Bühne ein hand ­verlesenes En ­semble, das bis in die kleinste Neben ­rolle überzeugt. Doch getragen wird die Auf ­füh ­rung von fünf außerordent ­lich starken Sängerschau ­spie ­le ­rinnen. Susan Grit ­ton spielt die zentrale Rolle der Blanche in ihrer Zerrissenheit zwischen Glaubens ­erleuchtung und nackter Angst existentiell aus. Mit gleicher Intensität gestaltet Sylvie Brunet die große Sterbeszene der Priorin, ohne in Opern ­pathos abzugleiten. Susanne Res ­mark ist als Mère Marie physisch wie gestalterisch ein Schwer ­ge ­wicht und kontrastiert hervorragend zu der auf ihre leise Art dominanten Soile Isokoski als Madame Lidoi ­ne. Schließlich ist Hé ­lène Guilmette als naiv-übermütige, lebenssprühende SÅ“ur Constance eine Augen- und Ohrenweide. Kent Nagano, dem wir schon eine exzellente Aufnahme der Oper verdanken (Lyon, 1990), bringt die Partitur zum Vibrieren und Glühen

Ekkehard Pluta