Manchmal ist es nur ein Interpret, mit dem man die Erinnerung an ein bestimmtes Werk verbindet. In der Welt der Geige war dies immer wieder Jascha Heifetz, Komponisten ließen sich von seinem Spiel inspirieren und schrieben Werke für ihn. Auch Mario Castelnuovo-Tedesco, der 1939 seine italienische Heimat wegen des eskalierenden Antisemitismus verließ und nach Amerika emigrierte. Dort kannte man seine Musik bereits, auch Heifetz hatte einige Stücke im Repertoire. Schon 1931 war er Solist der amerikanischen Uraufführung von Castelnuovo-Tedescos erstem Violinkonzert, dem „Concerto Italiano“. Danach bestellte er gleich ein neues Werk. „I profeti“, so ist das zweite Violinkonzert op. 66 betitelt, nimmt Bezug auf das Alte Testament. „Die Zeiten der glorreichen Vergangenheit“ der biblischen Propheten will Castelnuovo-Tedesco heraufbeschwören und greift dabei auch auf altes jüdisches Liedgut zurück. Das manchmal episch wie Filmmusik klingende Werk ist sehr effektvoll instrumentiert, der Solopart fordert den Virtuosen. Ganz im Sinne von Heifetz, der 1933 in der Carnegie Hall Solist der Uraufführung war. Seine legendäre Einspielung von 1954 hatte lange keine Konkurrenz, die Live-Aufnahme mit Itzhak Perlman (1990) wirkt zwar sehr brilliant, aber vergleichsweise pauschal. Tianwa Yang bringt in ihrer neuen Einspielung jetzt zum ersten Mal beide Konzerte zusammen. Mit Leichtigkeit schwingt sie sich auf in die geigerischen Höhen, wo sich Heifetz und Perlman bewegen. Voller Energie, dynamisch und risikobereit, aber auch klangsinnlich fein. Und das SWR-Sinfonieorchester unter Leitung von Pieter-Jelle de Boer zieht mit. Dies ist eine gute Gelegenheit, die Musik von Mario Castelnuovo-Tedesco zu entdecken, besonders auch das „Concerto Italiano“ von 1924, das hier als Ersteinspielung vorliegt. Im herausragenden zweiten Satz gibt es betörende atmosphärische Momente, da flimmert die Luft …

Norbert Hornig