Noch ein Mitschnitt aus dem Abbado-Erbe! Und um gleich noch eins draufzusetzen: Das Klangbild dieses aus Konzerten in Bozen und Bologna kompilierten Mitschnitts ist insgesamt etwas mau und mulmig. Doch genug gemeckert. Diese Aufnahme ist hinreißend. So stimmungsvoll, so ehrlich, so berührend hat man Schuberts neunte Sinfonie selten gehört wie 2011 mit dem Orchestra Mozart unter Claudio Abbado. Alle für einen, einer für alle – dieses Motto, das auch das Festivalorchester von Luzern unter Abbados Dirigaten mehr und mehr verinnerlicht hatte, trägt und prägt auch diese Aufführung. Das kammermusikalische Miteinander, die Stimmungswechsel, die hinreißend innigen Antworten auf Tutti-Höhepunkte – das ist so empfindsam gespielt, so klangschön und klangintensiv, dass man diese Einspielung nicht mit Abbados früherer Produktion mit dem Chamber Orchestra of Europe aus den späten 80er-Jahren vergleichen kann, auch wenn der Dirigent sich in einigen Grundpfeilern seiner Deutung treu geblieben ist. Schon die Antwort auf den ersten Hornruf in der Einleitung zum Kopfsatz ist ein Muster erfüllten Musizierens. Man mag sich sicher fragen, ob man, gerade in diesem ersten Satz, nicht einige Steigerungen schon schärfer, schneidender gehört hat. Doch Abbado hebt sich vieles auf, um an der markantesten Stelle im zweiten Satz die harmonischen Reibungen deutlich hervortreten zu lassen – und wenn dann nach der langen Pause alles wieder auf Null gestellt wird und die Streicher anheben, ist die Welt nicht mehr dieselbe wie vorher. Sie ist erfüllt von bislang fremden Erfahrungen, geschwängert von Trauer und Nachdenklichkeit und erst zaghaft wieder offen für neue Schönheiten. Das permanente Wechselspiel der Holzbläser und die zarten Andeutungen der Streicher münden in einer ungetrübten Spielfreude im Finalsatz, den man auch schon rassiger, kantiger, moderner gehört hat. Aber vielleicht nie so homogen wie hier.

Christoph Vratz