Vergesst das banale Programm – unter diesem Motto scheint Marek Janowskis Interpretation von Strauss’ viel geschmähter „Symphonia Domestica“ zu stehen. Aus den letzten Jahren ist mir kaum eine Einspielung bekannt, die sich derart konsequent auf die rein musikalischen – ja: sinfonischen! – Qualitäten des Werks konzentriert. Mit viel Ruhe – und verhaltenen, aber nie schleppenden Tempi – breitet Janowski das thematische Geflecht der Partitur vor dem Hörer aus, nimmt die intrikate Kontrapunktik als solche ernst und findet zudem zu einer noch vielfältigeren Kombination von Klangfarben, als man sie von dem Opus ohnehin gewohnt ist. Und auch wenn er es durchaus ordentlich krachen lassen kann, wo es angebracht ist: Das Resultat ist letztlich nichts weniger als meisterhafte, delikate Kammermusik für großes Orchester. Und die kann und sollte man in der Tat genießen, ohne dabei an das Strauss’sche Familienidyll zu denken!

Zusätzlich aufgewertet wird die Veröffentlichung durch den Zyklus „Die Tageszeiten“ für Männerchor und Orchester, den Strauss 1927 für den Wiener Schubertbund komponierte. Die vier Sätze nach Gedichten von Eichendorff bieten lyrischen Strauss in Reinkultur – in wunderbarer Gelassenheit sich entfaltend, ohne jedes kraftmeierische Auftrumpfen. Nicht umsonst hat man angesichts des letzten Lieds „Die Nacht“ die „Vier letzten Lieder“ zum Vergleich herangezogen: Die entrückte Atmosphäre, der friedvolle Abschiedscharakter sprechen in der Tat eine ähnliche Sprache – nur dass die „Tageszeiten“, warum auch immer, so gut wie nie aufgeführt werden. Das sollte sich nach dieser Einspielung ändern. Chor und Orchester vollbringen hier wahre Wunder an Intonationsgenauigkeit und feinster klanglicher Austarierung. Dass von der Tontechnik jedes Detail transparent und „farbecht“ abgebildet wurde, macht das Glück perfekt.

Thomas Schulz