Nicht weniger als 30 Vertonungen hat Pietro Metastasios Opernlibretto „Catone in Utica“ zwischen 1728 und 1791 erfahren. Der Erste, der das Buch zu einer abendfüllenden Oper verarbeitet hat, war allerdings Leonardo Vinci. Dass Vinci zu den bedeutendsten Opernkomponisten seiner Zeit gehört, wird erst seit Kurzem angemessen gewürdigt. Im Oktober 2012 war mit „Artaserse“ die erste komplette Vinci-Oper auf CD-R erschienen, damals unter Stabführung von Diego Fasolis. An den Erfolg dieser Produktion schließt die vorliegende Gesamteinspielung des „Catone in Utica“ nahtlos an, zumal in weiten Teilen dieselben Solisten mitwirken. Das Besondere bei Vinci ist nämlich, dass in beiden Opern sämtliche Partien von Männern gesungen wurden, auch die Frauenrollen. Dieser Vorgabe folgen beide Einspielungen, und so hört man hier wie dort die derzeit angesagteste Riege junger Countertenöre: Max Emanuel Cencic, Franco Fagioli und Valer Sabadus. Im „Catone“ kommt noch Vince Yi hinzu. Zu diesem Quartett der Superlative gesellen sich zwei Tenöre aus derselben Generation, nämlich Juan Sancho und Martin Mitterrutzner.

Das Stück gibt diesen Spitzenkräften reichlich Gelegenheit, ihr Können zu demonstrieren. Man könnte die Abfolge von Rezitativen und Arien fast stereotyp nennen, wäre da nicht jenes weite Spektrum an Emotionen und Affekten, die das Personal nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch fordern. Müßig zu erwähnen, dass die Herrschaften diese Herausforderungen mühelos bewältigen. Erwähnenswert ist allerdings auch die Leistung des Instrumentalensembles „Il Pomo d’Oro“, das unter Riccardo Minasi bereits in der schmissigen Ouvertüre klarmacht, wohin in den kommenden fast vier Stunden die Reise geht. Minasi gelingt mit dieser Produktion ein weiteres leidenschaftliches Plädoyer für die Opern Leonardo Vincis, und auch das Aufnahmeteam der Decca hat alles dafür getan, dass das Anhören des Ergebnisses zu einem großen Vergnügen wird.

Arnd Richter