Jaroussky-Fortsetzung

Wissend, dass Kastratengesang nicht eins zu eins rekapitulierbar ist, haben heutige Countertenöre bei aller verbleibenden Konzentration auf barocke Werke unterschiedliche Strategien zur Reper ­toire ­erweiterung entwickelt. Jochen Ko ­walski, nach wie vor aktiv (wenn inzwischen auch mehr im Hintergrund), war wohl derjenige, welcher das als Erster nachdrücklich betrieb (russische Opern ­arien, Filmschlager mit dem Salonor ­chester Cölln). Doch selbst der eigentlich so barocktreue Andreas Scholl wagte sich (im Verein u. a. mit Dominique Visse) an Bizets »Carmen«. Neuerdings ist es vor allem Philippe Jaroussky, der »über die Stränge« schlägt.

In einem auf Youtube nachzuhörenden Interview hat er sogar schon Normas »Casta diva« angestimmt. Sein Recital der besonderen Art freilich ist »Opium« mit französischen Gesängen aus der Zeit um 1900. Jetzt folgt ihm Bejun Mehta mit einer Kollektion »20th Century English Songs«. Die Lieder von Purcell bis Herbert Howells müssen in ihrer letztlich simplen melodischen Struktur nicht unbedingt näher analysiert werden. Es handelt sich um Salonstücke im besten Sinne, deren Wirkung in besonderem Maße vom Reiz einer charakteristischen Stimme lebt. Bejun Mehta wirkt androgyn, mit einem stärkeren Maß an maskuliner Kraft als der immer knabenhafte Jaroussky. Seine feinsinnig interpretierten Gesänge bieten vokale Verzauberung pur. Zu ihr trägt auch das geschmeidige Klavierspiel von Julius Drake bei.

Christoph Zimmermann