Originell und geschliffen

Eine Doppelpremiere: Zum einen ist dies, wenn ich recht sehe, die späte erste Solo-CD von Yaara Tal, der bestens bekannten „besseren Hälfte“ des Duos Tal/Groethuysen, zum anderen gab es von Haydns „Sieben letzten Worten“ seit Jahrzehnten keine Neueinspielung mehr auf einem modernen Flügel.

Das Werk, entstanden 1786, war ein Auftrag aus dem andalusischen Cádiz und besteht aus einer Reihe langsamer Orchestersätze zur Einrahmung priesterlicher Karwochen-Meditationen. Haydn arbeitete es später zu einem Streichquartett und einem Oratorium um, es gibt außerdem eine nicht von ihm stammende, aber von ihm hochgelobte Klavierfassung der insgesamt neun Sätze. Aufgeführt werden die „Sieben letzten Worte“ heute entweder als reine Konzertmusik oder, in Analogie zur Premierenpraxis, mit verbalen oder fremdmusikalischen Intermezzi zwischen den Sätzen.

Yaara Tal entschied sich für vier Einschübe. Aber nicht der (angeblich erforderlichen) Abwechslung wegen, sondern um die innermusikalischen Zusammenhänge zu intensivieren, und sie wählte dafür vier der 1911 entstandenen „Sechs kleinen Klavierstücke“ von Schönberg. Eine im ersten Augenblick verwegen anmutende Implantation, die sich aber ebenso wie das als Ausklang angehängte frühe Klavierstück von Bartók auf Anhieb als eine sensibel „erhörte“, Sinn machende Lösung bewährt.

Nicht minder gut als dieser Beitrag zur aktuellen Haute cuisine musicale gefällt mir das geschliffene Spiel Yaara Tals. Es ist musterhaft klar und perfekt abgerundet, wurde überdies von der Aufnahmetechnik groß eingefangen. Alles in allem ein gewichtiges „modernes“ Pendant zu den Hammerflügel-Einspielungen von Lubimov über Immerseel bis Brautigam.

Ingo Harden