Es wäre falsch, dem Artemis Quartett hier eine gesunde Balance aus Herz und Verstand zu attestieren. Denn die emotionale und die analytische Komponente sind nicht etwa Gegengewichte, die es auszugleichen gälte, sondern zwei untrennbar miteinander verbundene Anteile der packenden Interpretation. Das ist in jedem Takt der Brahms-Aufnahme zu hören, tritt aber im c-Moll-Quartett ganz besonders deutlich zutage.
Wenn die vier Streicher alle dynamischen Nuancen der Partitur ausleuchten und den artikulatorischen Vorschriften des Komponisten ebenso sorgsam folgen wie den Phrasierungsbögen, wenn sie dabei das fein gewobene Netz motivischer Beziehungen aufspüren, mit dem Brahms die einzelnen Sätze miteinander verknüpft, dann wirkt das niemals wie akademische Fliegenbeinzählerei, sondern immer aufregend und sinnlich.

Weil das Weltklasseensemble den Notentext so gründlich unter die Lupe nimmt, um die musikalischen Zusammenhänge, den Farbenreichtum und den Ausdrucksgehalt der Musik zu entschlüsseln: das Spannungsverhältnis zwischen nervöser Unruhe und Ermattung im ersten Satz des c-Moll-Quartetts, die tiefe Sehnsucht im Poco Adagio, aber auch die folkloristisch gefärbte Nostalgie im Trio des dritten Satzes. Dort offenbart sich die flexible Tempogestaltung des Ensembles beispielhaft: Das Ineinandergreifen von Momenten des Innehaltens und des Voranströmens ergibt einen organischen Fluss.

Die Artemisianer nutzen ihre handwerkliche Souveränität für eine Vielzahl an Nuancen, die ihre Brahms-Aufnahme selbst unter der hochkarätigen Konkurrenz noch einmal heraushebt. Manche Passagen, wie etwa das zärtliche Solo der Viola im dritten Satz des B-Dur-Quartetts, gehen einem umso mehr zu Herzen, als sie den Verlust des im Juli gestorbenen Bratschers Friedemann Weigle noch einmal besonders schmerzlich vor Ohren führen. Ihm ist die Einspielung gewidmet.

Marcus Stäbler