On the Rocks

Es ist schon erstaunlich, mit welch regel ­mäßiger Taktung derzeit ein Mit ­schnitt nach dem anderen unter der Leitung von Valery Gergiev auf CD erscheint. Sei es mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters, dem er zunächst als künstlerischer Leiter und seit 1996 zudem als Intendant vorsteht, sei es mit dem London Symphony Orchestra, dessen Chefdirigent er darüber hinaus seit 2007 ist. Zu dieser fraglos beeindruckenden Quantität kommt aber noch das durchgehend hohe bis höchste Niveau der Produktionen – ein Niveau, das auf seine Art fast schon provozierend wirkt. Denn Gergiev verlangt nicht nur von seinen Musikern, sondern eben auch von sich selbst in gleichem Maße technische Perfektion, anhaltende Präsenz und andauerndes Engagement. Nur so lässt es sich auch erklären, warum die auch aufnahmetechnisch über jeden Zweifel erhabenen Einspielungen weit mehr als nur eine äußere Brillanz besitzen. Sie sind gar von einer eigenen Handschrift geprägt, die man nur sehr selten findet und noch seltener hört.

Neben Wagner und Schostakowitsch ist es vor allem das reiche Repertoire um die Jahrzehnte der Jahrhundertwende, das Gergiev liegt. Mahler, die russische Sin ­fo ­nie wie auch der französische Impres ­sio ­nismus offenbaren ihm genau die Klang ­welt, die er ästhetisch formen kann: in deutlich gestaltete Linien, selbst im Detail präzise umgesetzte Artikulation, weite Spannungsbögen und einem dynamischen Spektrum, das in dieser Weise seltsam selten ist. Was dieser schlüssigen Ästhetik hin ­gegen fremd bleibt, das ist so etwas wie Wär ­me, wie ein inneres Glühen der Partitur. Auf diese Weise rückt Ravels »Daphnis et Chloé« zwar in lehrreiche Strawinsky-Nä ­he, die zarte Pavane, die man so berückend klar musiziert kaum kennt, bleibt indes eigentümlich unterkühlt, und der unglaub ­lich perfekt gesteigerte Boléro schwitzt keinen einzigen Tropfen aus.

Michael Kube