Formidabel

Lange Zeit gehörte Carl Heinrich Grauns Oratorium „Der Tod Jesu“ unbestritten zu den berühmtesten und auch beliebtesten Kompositionen. Seine Aufführungsgeschichte von etwa 130 Jahren ist beinahe einzigartig und war den mindestens zehn anderen Kompositionen über den gleichen Text nicht vergönnt.

Doch nach den 1860er-Jahren geriet auch dieses Erfolgsstück allmählich in Vergessenheit, so dass man sich im letzten Jahrhundert diesen musikalischen Schatz erst mühsam wieder aneignen musste. Das ist wohl mit einer der Gründe, warum die Auswahl von noch greifbaren Aufnahmen sehr begrenzt ist. Umso lobenswerter ist, dass man sich nun in Bayern dieses Werkes besann und es mit einer formidablen Interpretation hoffentlich endgültig aus der Vergessenheit reißen will. Gründe dafür gibt es genug. So steht Thomas Gropper mit den Münchener Arcis-Vokalisten ein sehr klangschön singender Chor zur Verfügung, der auch Textnuancen zu gestalten weiß. Lediglich an der Textverständlichkeit könnte man noch ein klein wenig feilen. Über die Fähigkeiten des bayerischen Orchesters braucht man eigentlich keine Silbe mehr zu verlieren. Es agiert feinsinnig und, wenn es denn sein soll, auch mächtig. Mit den Solisten hat Gropper ebenfalls einen ausgesprochen guten Griff getan. Monika Mauch singt selbst die schwierigsten Passagen und auch die Verzierungen wunderbar leicht und natürlich. Georg Poplutz und Andreas Burkhart, die insgesamt bei den Verzierungen etwas zurückhaltender sind, bestechen ebenfalls mit sehr angenehmen und leicht geführten Stimmen, die wie maßgeschneidert für Graun wirken. Formidabel eben.

Reinmar Emans