Erregter Stil

Es geht um eine Vollkommenheit, wie sie Monteverdi wollte: Die Musik muss die Affekte ausdrücken, die im Text liegen. „Das Wort“, schreibt Monteverdi, sei „die Herrin der Harmonie, nicht ihr Diener“. Selten hat man eine Einspielung von Monteverdis Madrigalen gehört, in der man diese sogenannte Seconda pratica so drastisch nachvollziehen kann. In dem berühmten „Cruda Amarilli“ schreit sich das Quintett der Stimmen die Dissonanzen förmlich vom Leib. Für einen Moment glaubt man, Avantgardemusik vor sich zu haben. Was Les Arts Florissants unter Paul Agnew hier zelebriert, ist aber kein Manierismus. Die Sänger vermitteln vielmehr eine Vorstellung davon, was ein Zeitgenosse Monteverdis meinte, wenn er schrieb, sie „nahmen ihre Stimmen zurück oder ließen sie anschwellen, immer nach den Erfordernissen des Stücks, ... mal langsam, mal mit einem leichten Seufzer, mal legato, mal in Sprüngen …“. Es ist eine ganz direkte Art des Singens, manchmal ganz nah am reinen Deklamieren, manchmal virtuos tänzerisch wie in „Zefiro torna“ im „genere concitato“, dem erregten Stil. In den beiden Hauptwerken der CD, dem „Lamento d’Arianna“ und dem „Lagrime d’Amante al Sepolcro dell’Amata“ wird sehr sinnfällig, wie sich theatralische Situationen durch Polyphonie noch steigern lassen, gewissermaßen als intensiviertes recitar cantrando. Die Aufnahmen gehen auf Konzertmitschnitte in der Pariser Cité de la Musique zurück und stellen eine Auswahl aus dem vierten, fünften und sechsten Madrigalbuch dar mit sehr kundigen Einführungstexten und einer von Les Arts Florissants exklusiv beauftragten Kurzgeschichte von René de Ceccatty, die in Mantua spielt.

Richard Lorber