Frühlingshaft

Konsequent arbeitet Marin Alsop mit dem Sinfonieor ­ches ­ter aus Baltimore das Standard ­repertoire auf. Nach Dvorák, Bartók und anderen nun also Mahler, und das Ergebnis ist zumindest in den Ecksätzen durch ­aus ansprechend geraten. Alsop gelingt es in der Einleitung sehr überzeugend und atmosphärisch, das langsame Erwachen der Natur aus der totalen Stille darzustellen – unterstützt vom sehr vollmundigen und gleichzeitig transparenten Klangbild – und diesen statischen Zustand sehr organisch und zielstrebig in Bewegung übergehen zu lassen. »Frühling und kein Ende«, wie Mahler den Satz ursprünglich überschrieb – in Alsops Interpretation dominiert diese Aufbruchsstimmung bis zur Coda den Charakter der Musik. Das zerklüftete Finale spannt Alsop unter einen straffen architektonischen Bogen, erlaubt sich nicht zu arge Schwelgerei im kantablen Seitenthema und in den weiteren langsamen Passagen des Satzes und lässt die Entwicklung in eine fulminante, mitreißende und dennoch völlig pathosfreie Schlussapotheose kulminieren.

Stände der Rest der Sinfonie auf interpretatorisch ähnlich hohem Niveau, könnte man fast von einer Referenzeinspielung sprechen. Doch der Ländlerrhythmus im Scherzo kommt etwas zu schwerfällig daher, und im Trio macht sich gelegentlich allzu rubatoselige Larmoyanz breit. Das ist keine Katastrophe, enttäuscht aber doch ein wenig – ebenso wie die allzu brav und wohlerzogen intonierten Klezmer-Passagen des langsamen Satzes. Nach Bernstein und Kubelík hat sich bislang kaum ein Interpret getraut, die bewusste Trivialität dieser Stellen ungehemmt auszuspielen – und eben auch Marin Alsop nicht.

Thomas Schulz