Endeckungen

Bei einem so wenig bekannten Repertoire wie den hier eingespielten Kantaten von Luigi Cherubini müsste man eigentlich zunächst ein paar Worte über die zu Unrecht vernachlässigten Werke verlieren. Aber dazu später. Denn erstmal gilt es, eine junge Künstlerin gebührend zu feiern.

Die französische Sopranistin mit dem schönen Namen Maïlys de Villoutreys, Jahrgang 1986, singt schlicht hinreißend. Ihr Timbre ist einerseits angenehm schlank und kultiviert, andererseits aber durchaus sinnlich und weich. Also keine Spur von dem knabenhaften Gefiepse, wie es früher in der Alte-Musik-Szene angesagt war. Wunderbar, wie geschmeidig sie sich an die Streicher anschmiegt oder ihre Spitzentöne setzt. Mit ihrer berückenden Interpretation veredelt de Villoutreys die Kantate »Clytemnestre«, in der Cherubini den Gefühlswallungen der Klytämnestra nachspürt. Auch in den drei anderen Werken erweist sich der von Beethoven so hoch geschätzte Komponist als packender Ausdrucksmaler: wenn er etwa den Schmerz und die Unterweltvisionen der Zauberin Circe in düstere Orchesterfarben taucht oder den Schrecken über den Tod des Revolutionärs Mirabeau in dramatischen Chorsätzen vertont.

Allerdings fällt das interpretatorische Niveau nach dem glänzenden Start ab. Michael Alexander Willens gelingt es nicht durchweg, die professionelle Qualität seiner Sänger und Instrumentalisten zu einer richtig guten Ensembleleistung zu bündeln; er lässt zwar sehr ausdrucksvoll musizieren, nimmt dafür aber teilweise deutliche Abstriche in puncto Intonation und Homogenität in Kauf.

Marcus Stäbler