Entgegenkommend

Messiaens gigantische „Turangalîla-Sinfonie“ ist gewiss ein Werk der Synthese, aber die Ingredienzien sind umstritten geblieben. Zwischen Puccini und Varèse, Unterhaltung und abschreckender Verstiegenheit, süßlichem Kitsch und schroffem Avantgardismus scheint es auch nicht die geringsten Beziehungen zu geben, und doch zwingt sie Messiaen zusammen, ohne dass die Musik in ein Potpourri musikalischer Beliebigkeiten zu zerfallen scheint. Freilich fehlt der Musik von Messiaen ein Moment von Gestaltung: Bei aller internen Bewegtheit bleibt sie statisch-entwicklungslos. Dieses fehlende Moment wird freilich ganz von der stets unerhörten Klanglichkeit ausgeglichen, welche die aneinandergereihten Teile besitzen.

Die Aufführungsfragen dieses Werkes liegen mittlerweile weniger in den herausfordernden, gewaltigen spieltechnischen Problemen, die auch das Finnish Radio Symphony Orchestra geradezu glänzend-souverän hinter sich lässt. Doch wie legt Hannu Lintu den interpretatorisch komplexen Synthese-Charakter des Werkes aus? Er entscheidet sich für eine musikalisch geschmeidige, biegsame, gewissermaßen elastische Lesart, die der Musik das Schroffe, Wuchtige, Monumentale nimmt. In gewisser Weise gewinnt die Musik sogar „elegante“ Züge.

Fraglos wird das Werk mit solcher Aufführung neue Freunde finden, die weniger die schneidige Attacke, als vielmehr den nuancierten Klang, das interpretatorische Entgegenkommen, ja das musikalisch abwechslungsreiche Unterhaltende lieben. Das alles besagt keinesfalls, dass Lintu die Musik glättet und verharmlost; vielmehr kehrt er Züge hervor, die zumeist nicht hörbar gemacht wurden, die das Werk jedoch nun einmal auch besitzt.

Giselher Schubert