Neuschöpfung

Natürlich sind die zwei Pianisten die Sensation dieser Scheibe. Sie beharken sich, geben die Themen vor, ordnen im Zentrum die widerstrebenden Kräfte. Aki Takase und ihr Mann Alexander von Schlippenbach machen sich auf den Weg, Eric Dolphy wiederzuentdecken, diese viel zu früh gestorbene Galionsfigur des freien Jazz. Trotzdem stehen wir vor einer autarken Neuschöpfung! Denn Takase und Schlippenbach geht es weder um eine sentimental melancholische Verbeugung noch um eine devote musikalische Bezeugung. Sie wollen – schon das eine turmhohe Herausforderung – ein musikalisches Porträt von Eric Dolphy zeichnen. Aber jedes Porträt ist nur dann von Belang, wenn es neben der Ähnlichkeit des Porträtierten auch die künstlerische Eigenständigkeit des Porträtisten bezeugt.

Was ist das für eine Band! Neben dem alten Weggefährten Karl Berger am Vibraphon, Rudi Mahall an den Klarinetten, Nils Wogram an der Posaune, die wunderbaren Saxophonisten Tobias Delius und Henrik Walsdorf an Tenor und Alt und Axel Dörner an der Trompete. Dazu die fett gedoppelte Rhythmusabteilung mit Wilbert de Joode und Antonio Borghini (Bass) sowie Han Bennink und Heinrich Köbberling am Schlagzeug. Bennink und Berger haben noch mit Dolphy musiziert. Takase und Schlippenbach mischen die Formation immer neu, wechseln sich ab oder musizieren zusammen. Immer bleibt das musikalische Geflecht dicht, nie wird es zum Labyrinth.

Der Albumtitel „So Long, Eric!“ bezieht sich auf den Song, den Charles Mingus verfasste, als Dolphy ihm mitteilte, dass er die Mingus-Band verlassen wolle, um in Europa sein Glück zu suchen. Dort starb er 1964 an den Folgen einer unerkannten Diabetes. Hier beweisen Takase und Schlippenbach seine Unsterblichkeit!

Tilman Urbach