Talentprobe

Gerade einmal 19 Jahre alt, legt Aaron Pilsan seine erste CD vor. Der Schüler von Karl-Heinz Kämmerling und Lars Vogt beweist, dass er eine Menge Talent besitzt. Mutig jedoch, dass er sein CD-Debüt mit so bekannten Werken von Beethoven und Schubert gibt. Denn selbstverständlich stellt der junge Pianist sich damit in eine fast hoffnungslose Konkurrenz-Situation.

Pilsan hat die Werke sauber gearbeitet, spielt werktreu und mit differenzierter Artikulation – und doch vermisst man immer ein Stück weit noch die Persönlichkeit des Interpreten. Vergleicht man etwa Pilsans Beethoven-Einspielungen mit denen von Michael Korstick, fällt nicht nur auf, dass dessen Oehms-Aufnahmen einen weitaus weniger trockenen Klang und eine viel weitere Dynamik besitzen, sondern auch, dass Korstick viel freier mit dem Tempo umgeht, dass sein Spiel die stärkere Spannung, den größeren Ausdruck im Detail besitzt. Man höre sich nur das Adagio grazioso der G-Dur-Sonate in den meisterhaften Interpretationen von Korstick oder etwa auch Artur Schnabel (EMI) an. Pilsan spielt den Satz viel schneller, aber leider auch ein wenig über die Tiefen der Musik hinweg.

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man Pilsans Deutung der „Wanderer-Fantasie“ mit der von Alfred Brendel (Philips) vergleicht. Brendel spielt freier. Und wo er etwa mit der Dynamik auch die Klangfarbe ändert, bleibt Pilsans Klang gleich, zu eindimensional und neutral. Vielleicht mag es unfair sein, einen 19-Jährigen an gestandenen Meistern zu messen. Denn eine Talentprobe ist Pilsans Einspielung allemal. Aber im CD-Geschäft liegen all diese Aufnahmen im selben Regal …

Gregor Willmes