Doppelter Nachruf

Zu den merkwürdigen Entwicklungen des modernen Mu ­sik ­le ­bens gehört, dass zwar viele Werke nach einer mitunter Jahr ­zehn ­te und Jahrhunderte währenden Pause dem Notenarchiv entris ­ ­sen werden und erklingen, doch nur wenige Kompositionen dann wirklich den Sprung ins Repertoire schaffen. Zu diesen Par ­tituren ist zweifelsohne auch die »Asrael« überschriebene Sin ­fo ­nie von Josef Suk zu zählen, die es innerhalb weniger Jahre auf ein halbes Dutzend Neueinspielungen brachte. Eine gerechte Renais ­sance, nachdem es um Suk, den dunklen tschechischen Spätro ­man ­tiker, so seltsam ruhig geworden war. Dabei handelt es bei der »Asrael«-Sinfonie um ein Werk der persönlichen Trauer und des stilistischen Durchbruchs, vielleicht auch um die wichtigste Kom ­position eines vielseitigen Å’uvre. Der Name des Todesengels ist dabei Programm: Suk verarbeitet in der Partitur zunächst den Tod seines verehrten Lehrers und Schwiegervaters Antonín Dvorák, dann auch noch den Tod der eigenen Frau Ottilie.

Es ist also eine im höchsten Grade persönliche Komposition, aus der gleichermaßen Trauer, Schmerz und Sehnsucht sprechen – eine Art musikalischer Fieberkurve, bei der ein von den Pau ­ken eingeführter Todesrhythmus die Ge ­fühls ­temperatur der insgesamt fünf Sätze angibt; erst ganz am Ende scheint die Aussicht auf Erlösung zu versöhnen. Charles Mackerras, im vergangenen Jahr im hohen Alter und doch zu früh gestorben, nimmt sich der Partitur mit abgeklärter Zurückhaltung an – eine Distanz, die man als Gewinn empfindet, nicht nur in den lodernden Abschnitten, sondern auch in den nur mit Vorsicht aufgelichteten letzten Takten. Die Live-Einspielung entstand anlässlich der 100. Wie ­derkehr der Uraufführung und wurde letztlich selbst zu einem Dokument.

Michael Kube