Stimmig

Er wagt es durchaus, diese Stücke auch live zu spielen, an einem Abend: die Wanderjahre von Franz Liszt. Nun hat Louis Lortie alle drei Bän ­de eingespielt – auf einem Fazioli-Flügel, den der Pianist, wie Angela Hewitt, schon seit Längerem bevorzugt, vor allem wegen des (im Ver ­gleich zu den gängigen Konzertflügeln) größeren Farbreichtums. Lortie nimmt einige dieser Stücke vergleichsweise zügig, vor allem die von den Satz ­be ­zeich ­nungen eher langsamen Stücke wie »Le mal du pays« und »Cloches de Genève« am Ende des ersten Bandes.

Wie sehr Lortie auf dem Flügel zu singen vermag, zeigt sich in »Au lac de Wallenstadt« und »Au bord d´une source«, dessen Grazioso-Charakter er mit glöckchenhaft hellen Obertönen vorbildlich trifft. In den beiden großen Werken der ersten Bände (»d´Oberman« und »Dante«) wirkt dagegen die Einspielung mit Michael Korstick zwingender, weil zielstrebiger, konsequenter – vor allem im Fall »Dante« wegen der extremeren dynamischen Spannbreite und des erschütternderen Anschlags. Lortie deutet diese Sätze eher wie große Fantasien, ein wenig schumannesk. Im dritten, etwas meditativeren Teil ragen die Wasserspiele der »Villa d´Este« heraus. Hier funkelt und spritzt die Fontäne im puren Sommerlicht – dank der engen, raschen Tremoli und leichten, tänzerischen Melo ­diesprünge. Das Stück lebt von einer Noblesse, die an Jorge Bolets Einspielung aus den frühen achtziger Jahren erinnern mag. Auch klanglich kann die Auf ­nahme insgesamt überzeugen, mit Ausnahme der mitunter etwas stumpf wirkenden Bass-Passagen, besonders in den düsteren Pas ­sagen wie am Beginn der »Marche funèbre«.

Christoph Vratz