Maßstabsetzend

Angesichts der alles andere dominierenden Verdi- und Wagner-Geburtstagsfeiern sind im vergangenen Jahr nicht nur Britten und Hindemith – zwei weitere Jubilare – einigermaßen vernachlässigt worden. Auch der 50. Todestag Karl Amadeus Hartmanns wurde bei uns größtenteils übergangen. Anders in den Niederlanden: Dort gab es in der Saison 2012/2013 einen großen Hartmann-Zyklus mit der Niederländischen Radio-Philharmonie, bei dem im Amsterdamer Concertgebouw sämtliche Sinfonien des Komponisten zur Aufführung gelangten. Das klingende Ergebnis liegt jetzt vor – sechs der acht Partituren als Live-Aufnahmen (gottlob ohne Applaus!), die Sinfonien vier und fünf als Studioeinspielungen aus Hilversum.

Mit der verwendeten Surround-Technik wurde ein enorm tiefenscharfes, warmes und transparentes Klangbild erzielt, das sämtliche Details der oft sehr opulenten Orchestrierungen optimal abbildet. Ähnlich wie beim historischen Hartmann-Zyklus des Labels Wergo stehen verschiedene Dirigenten am Pult des Orchesters. Dass nicht alle von ihnen als approbierte Hartmann-Spezialisten gelten, einige sich angesichts dieses Projekts gar erstmalig der Musik des Komponisten widmeten, ist kein Nachteil: Im Gegenteil, auf diese Weise zeigt sich ein frischer Blick auf die Partituren – und allen Interpretationen ist das unmittelbar zu spürende Bedürfnis gemein, Überzeugungsarbeit zu leisten, dem Publikum zu vermitteln, was für großartige und mitreißende Musik dies ist!

Dabei hinterlassen interessanterweise gerade die Interpretationen jener Werke den stärksten Eindruck, die innerhalb Hartmanns Å’uvres eher wenig zur Aufführung gelangen: allen voran die kantige Siebte, die von Osmo Vänskä mit einer bewunderungswürdigen Kombination aus Rasanz und Versenkung dargeboten wird. Michael Schönwandt lässt in Nummer fünf, der »Sinfonia concertante«, den Verdacht einer gewissen neoklassischen Trockenheit gar nicht erst aufkommen, und James Gaffigan traut sich in der Dritten, genau wie in seinem Dirigat des »Adagio« (der Nummer zwei des Zyklus), das geradezu spätromantische Espressivo der Musik auszukosten.

Markus Stenz, der Chefdirigent, der Niederländischen Radiophilharmonie, verhilft der eruptiven Dramatik der Sinfonie Nr. 1 zu ihrem Recht – wobei auch die Sopranistin Kismara Pessatti zu überzeugen weiß – und leitet eine zupackend straffe wie gedankenreiche Interpretation der vierten Sinfonie. Auf sehr hohem Niveau befinden sich auch Christoph Poppen in der Sinfonie Nr. 6 sowie Ingo Metzmacher in der finalen Achten, die er weit temperamentvoller angeht als in seinem vor allem klanglich nicht restlos befriedigenden Hartmann-Zyklus mit den Bamberger Sinfonikern bei EMI.

Angesichts dieser sowohl interpretatorisch wie auch klanglich durchweg begeisternden Einspielungen kann hier mit Fug und Recht von einer neuen Referenz gesprochen werden. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Projekt dem Schaffen Hartmanns viele neue Freunde gewinnen wird – unter den Hörern genauso wie unter den Interpreten, denn Hartmanns Musik ist nach wie vor im internationalen Konzertleben sträflich unterrepräsentiert. Das Publikum in Amsterdam reagierte dem Vernehmen nach jedenfalls mit Enthusiasmus auf die Bekanntschaft mit der so vielfältigen Tonsprache des Münchner Sinfonikers!

Thomas Schulz