Seriös

Ähnlich seinem Mentor Alfred Brendel ist Paul Lewis ein passionierter Schubertianer. Mit seinem Projekt »Schubert And The Piano: 1822-1828« (der Titel erinnert wohl nicht von ungefähr an Brendels LP-Kassette aus den siebziger Jahren) war er in den vergangenen Jahren in der ganzen Welt sehr erfolgreich unterwegs, um dessen Einsatz für den lange Zeit unterschätzten Sonatenkomponisten Schubert fortzuführen.

Harmonia mundi legt mit diesem dritten Doppelalbum weitere Ergebnisse der Auseinandersetzung Lewis´ mit Schuberts Musik vor und kombiniert dabei erstmals Neuaufnahmen (D 784 und 958) mit Übernahmen älterer Lewis-Titel (D 959 und 960). Interpretatorisch und aufnahmetechnisch ist dies ohne Weiteres vertretbar, auffällige Brüche zwischen Altem und Neuem sind kaum zu erkennen. Denn der 42-jährige Brite widmet sich allen vier Werken mit der gleichen, für ihn typischen Sorgfalt, Ernsthaftigkeit und emotionalen Kontrolliertheit. Wenn er ausnahmsweise Eigenwilliges ins Spiel bringt (wie mit den vielen stark gedehnten Fermaten im Adagio der c-Moll-Sonate), geschieht dies auf sehr dezente Weise. Aufs Ganze gesehen halten seine Darstellungen stilistisch die grundsolide Mitte zwischen Schiffs Geschmeidigkeit und Oppitz´ Schwere, prägnant persönliche oder tiefschürfende Formulierungen à la Kempff oder Uchida scheinen noch nicht einmal angestrebt.

Als einen Schönheitsfehler empfinde ich allerdings Lewis´ häufigen Verzicht auf Wiederholungen – zumindest im Fall der großen B-Dur-Sonate. Und natürlich sind bei genauerem Hinhören auch leichte Unterschiede des interpretatorischen Reifegrades zu bemerken:   Lewis spielt zwar immer schön legato, gebunden, aber oft nicht wirklich »gesungen«, und die Finalsätze für meine Begriffe oft um einiges zu beiläufig ab.

Ingo Harden