Im Zuge der späten Anerkennung, die Grigory Sokolov inzwischen in aller Welt – und nicht nur unter den Kennern – genießt, hat Melodija jetzt ein weiteres Doppelalbum veröffentlicht. Es umfasst wiederum bisher weitgehend unbekannte Sokolov-Aufzeichnungen aus der Sowjet-Zeit und ist womöglich noch aufschlussreicher als der voraufgegangene Band. Die ältesten von ihnen, Chopins „Sturm“-Etüde und die Doppelgriffetüde aus Skrjabins op. 8, sind Dokumente vom Tschaikowsky-Wettbewerb 1966, den der damals 16-Jährige für sich entscheiden konnte, die jüngste ist eine Aufzeichnung des 38-Jährigen mit der achten Prokofjew-Sonate. Dazu kommt ein Schumann-„Carnaval“ von 1967 und als weitere Leistungen des Leningrader Teenagers Schuberts Sonate D 784 und Prokofjews Siebente. Was diese (tadellos digitalisierten) Darstellungen übereinstimmend auszeichnet, ist eine oft noch reichlich naiv wirkende Verbindung von jugendlich-unverstellter Direktheit und Offenheit der Aussage mit pianistisch und musikalisch perfekter Durchgestaltung – musterhafte, begeisternde Ergebnisse der frühen  Förderung und perfekten Ausbildung einer Hochbegabung durch eine der damals von der internationalen Klavierwettbewerbs-Konkurrenz so gefürchteten sowjetischen Pianistenschmieden.

Eine Weiterentwicklung auf dieser Linie zeigen dann vor allem die drei eindrucksvoll virtuos und umrissscharf hingeschmetterten „Petruschka“-Sätze Strawinskys von 1974, die neunte Sonate von Skrjabin (1984) und vor allem die achte von Prokofjew aus dem Jahre 1988. Sie schlägt, was die Differenzierung der Anschlagsfarben und die Ausweitung des Ausdrucksradius angeht, schon deutlich die Brücke zu den neueren Aufnahmen des heute 65-jährigen Pianisten, der weiterhin unbeirrt als eine Art „lonely wolf“ der internationalen Musikszene seine Kreise zieht. Hochinteressant – und nicht nur für Sokolov-Verehrer.

Ingo Harden