Die Streichquartette von Leos Janácek sind gerade ziemlich angesagt. Nach dem Arcadia-, dem Jerusalem- und dem Prazak-Quartett hat jetzt auch das Doric String Quartet die beiden Gattungsbeiträge des tschechischen Komponisten eingespielt. Dabei findet das britische Ensemble einen eigenen Zugang, der sich von den Interpretationen der Konkurrenz abhebt.

Auffällig ist etwa der Mut zu langen Pausen im Kopfsatz aus Janáceks erstem Quartett „Kreutzersonate“, mit denen die Streicher die Zerrissenheit der Partitur betonen, ohne den Spannungsbogen zu verlieren. Die Dorics reizen die Ausdrucksextreme bis hin zu schneidenden Sul-Ponticello-Klängen aus, um im nächsten Moment mit süffigem Legato-Spiel zu betören. Mit dieser breiten Farbpalette fördern sie die eruptive Kraft von Janáceks Musik zutage, auch in seinem zweiten Quartett „Intime Briefe“, in dem Passagen von innigster Zärtlichkeit und glühender Leidenschaft ganz unvermittelt aufeinanderprallen – wie etwa im dritten Satz. In dessen Fortissimo-Ausbruch, kurz vor Schluss, scheint die emotionale Kraft förmlich zu explodieren.

Trotz der mitreißenden Risikofreude wahrt das Doric String Quartet seine genau austarierte Klangbalance und eine selbst für Spitzenensembles bemerkenswerte Intonationskultur. Das gilt auch für die Aufnahme des dritten, kurz nach Janáceks „Intimen Briefen“ entstandenen Quartetts von Bohuslav Martinu, mit dem die Briten das Programm abrunden. Auch dort zünden sie ein Feuerwerk an rhythmischer Energie und leuchtender Farbvielfalt. Packender kann man diese Musik kaum spielen. Insgesamt bestätigt die neue CD den Eindruck der fulminanten Haydn-Einspielung vom vergangenen Jahr: Das Doric String Quartet hat sich in der Champions-League der Kammermusikensembles etabliert – auch wenn das zu den Konzertbesuchern und Veranstaltern in Deutschland vielleicht noch nicht ganz durchgedrungen ist.

Marcus Stäbler