Nach ihrem Diskus-Einstand mit einem russischen Transkriptions-Programm legt Claire Huangci jetzt als ihre zweite CD-Veröffentlichung ein gut zusammengestelltes Scarlatti-Doppelalbum vor. Es verdient nicht weniger Beachtung und Beifall als ihre Startplatte. Dass der Mittzwanzigerin die Musik des mediterranen Bach-Altersgenossen „liegen“ würde, war nach ihrem glänzend virtuosen Debüt vorauszusehen. Sie wird den „Essercizi per Gravicembalo“ denn auch in einer glücklichen Kombination aus lockerer Musikalität und spielerischer Leichtigkeit glänzend gerecht. Dabei braucht Huangci sich auf ihrem großen Yamaha tonlich in keinem Moment zurückzunehmen, um der schlanken Eleganz dieser Sonaten gerecht zu werden, gewinnt ihnen aber auch ein breites Ausdrucksspektrum ab. Die Allegro-Sätze Scarlattis sind von ihr mit oft fulminanter Attacke vorgetragen, sie weiß aber mit den verhalten-lyrischen Partien der Musik des spanischen Italieners ebenfalls viel anzufangen. Und vor allem wirkt ihr Spiel niemals gewollt pointiert, sondern bleibt immer auf legere Weise unaufdringlich, im besten Sinne „natürlich“ in der Diktion – eine echte Alternative zu vergleichbaren hochrangigen Scarlatti-Interpretationen wie etwa denen von Pogorelich und Tipo, Schiff oder Zacharias. – Aufnahmetechnisch hat man sich im Studio von Radio Bremen für die heute vorherrschende (und mir hier fast zu) direkte Perspektive entschieden.

Am Rande notiert: Scarlatti hatte seine Sonaten offenbar überwiegend als Einzelsätze konzipiert. Um bei einer 130-Minuten-Sammlung den Eindruck eines Sammelsuriums zu vermeiden, hat Huangci die fast 40 Stücke  zu siebensätzigen Suiten und dreisätzigen Sonaten zusammengefasst. Eine hübsche Idee auf den Spuren von Longos erster Gesamtausgabe der Noten, der konkrete Hörnutzen ist allerdings gering. Aber warum nicht?

Ingo Harden