Christiane Karg eröffnet ihr neues Recital unter dem Titel „Scene!“ mit einer Arie,  die man mit Stimm-Diven wie Kirsten Flagstad, Birgit Nilsson oder Gwyneth Jones in Verbindung bringt. Mit Mitte 30 sei es für sie aber an der Zeit, so Christiane Karg, die „leichten Damenrollen“ hinter sich zu lassen und zu versuchen, „die Grenzen zu erweitern“. Man hat dies zu oft gehört, um nicht den gefährlichen Ehrgeiz der Überforderung zu fürchten, und man ist erleichtert, wenn man hört, dass sie die  Beethoven-Arie mit der Stimme singt, die sie hat: mit flexibel-lyrischer Tongebung im Adagio, dazu erstaunlich resonanzreich in der unteren Oktave, dann mit kontrollierter Verve in den beiden „Allegro assai“-Teilen von „Ah, crudel, crudel tu voi“, in denen sie das hohe As und das B mit dramatischer Phonation singt und die chromatische Koloratur (auf „pietà) mit Aplomb ausführt.

Die klug konzipierte CD enthält weiter fünf Arien mit den Herzensergießungen verlorener Frauen. Für Nancy Storace hat Mozart die seelenschwere Arie „Ch’io mi scordi di te? – Non temer, amato bene“  geschrieben, in der die verzierungssichere und Appoggiaturen-vertraute Christiane Karg von Malcom Martineau auf einem alten Pianoforte gleichsam hammer-zart begleitet wird. Nach zwei Arien von Haydn und einer weiteren von Mozart erklingt zum Abschluss Mendelssohns „Infelice pensier“ – basierend auf einer Metastasio-Text-Collage, die der Komponist als „allerschönsten Unsinn“ bezeichnet hat. Dass sie zu einem „objet de vertu“ wurde, lag an der Sängerin, die für die Uraufführung vorgesehen war: Maria Malibran, für die deren Ehemann Charles-Auguste de Bériot  ein herzinniges Violinsolo einfügte, das er nach dem tragischen Tod der Sängerin strich. Welch ein Juwel, das die Sängerin für die Geigerin Alina Pogoskina da ausgegraben hat. Wie schon bei der „Amoretti“-CD erweist sich Jonathan Cohen mit seinem Ensemble Arcangelo als sensibler Partner.

Jürgen Kesting