Kongenial

Ausgestattet mit einem großzügigen Stipendium seines adligen Gönners, Land ­graf Moritz von Hessen, konnte der begabte junge Deutsche Heinrich Schütz in Venedig bis zu Giovanni Ga ­b ­rielis Tod im August 1612 die Kunst

des Meisters der Mehrchörigkeit in sich aufsaugen. Auf Gabrielis Anregung hin vertonte Schütz 19 Texte verschiedener Literaten und schickte seine Sammlung italienischer Madrigale an seinen Dienst ­herrn nach Kassel, was dieser prompt mit einer Verlängerung des Studien ­auf ­enthaltes in der Lagunenstadt um ein weiteres Jahr quittierte. Die meisten der A-cappella-Gesänge sind fünfstimmig gesetzt, lediglich ans Ende des Kon ­voluts setzte Schütz ein doppelchöriges Werk auf einen eigenen Text, mit dem er ausdrücklich dem Landgrafen huldigte.

Mit der Neuaufnahme der »Italieni ­schen Madrigale« setzen Hans Christoph Rademann und sein Dresdner Kammer ­chor ihre Gesamtaufnahme der A-cappella-Musik von Heinrich Schütz fort. Die Konkurrenz für diese Einspielung ist recht überschaubar, und das exzellente Dresd ­ner Ensemble kann getrost für sich in Anspruch nehmen, mit seiner Produktion einen Maßstab gesetzt zu haben, an dem sich andere werden messen lassen müssen. Der dichte und warme Klang des Kam ­merchores lässt die polyphonen Fi ­nes ­sen des Satzes blühen und seine reichen Af ­fekte zur vollen Entfaltung kommen. Ty ­pisch für die italienische Dichtung der Zeit ist das unmittelbare Neben ­ei-n ­ander von Hochstimmung und Klage, und Schütz, der auch in seinen späteren Wer ­ken exemplarisch steht für die enge Verschränkung von Text- und Musik ­ge ­halt, zeigt gerade in diesen Werken im wahren Sinne des Wortes frühe Meis ­terschaft. In Hans-Christoph Ra ­de ­mann und seinem Chor hat Schütz‘ Kunst die kongenialen Mitt ­ler gefunden.

Arnd Richter