Lebendige Rhetorik

Es mangelt nicht an Aufnahmen der So ­ ­naten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach. Für jeden Geiger ist dieser einzigartige Zyklus Pflichtre ­per ­toi ­re und Prüfstein zugleich, eine Rei ­ni ­gung für Geist und Ohr, für manche allerdings auch eine Hürde, die sie nie genommen haben. So gibt es, und das mag erstau ­nen, keine Gesamtaufnahmen etwa von Gei ­ger ­legenden wie David Oistrach oder Isaac Stern. Fehlte ihnen der Mut zum letzten Wort? Andere Interpreten wiederum sahen sich schon in jungen Jahren veranlasst, den Werkkomplex zweimal aufzunehmen, wie etwa Christian Tetzlaff.

Midori Seiler stellt sich jetzt der Heraus ­forderung Bach aus historisierender Sicht. Ihre Interpretation wirkt durchdacht, gleich ­zeitig aber auch frei. »Für mich bedeutet das Instrumentarium der damaligen Epoche, also Barockgeige mit Darm ­besaitung und Barockbogen, ungefähr das Gleiche wie die Sprachbehandlung bei einem Sänger. Sprache formt die Töne und verleiht ihnen Leben«, erklärt Midori Sei ­ler im Booklet. In ihrer Interpretation setzt sie diesen Gedanken konsequent um. Der Phrasenaufbau folgt einer lebendigen sprachhaften Rhetorik mit Punkt und Kom ­ma. Seiler gestaltet immer in größeren Sinneinheiten, veranschaulicht so die Struktur und hebt die Charaktere der einzelnen Tanzsätze wie auch die Va ­ria ­tio ­nen der Chaconne mit Deutlichkeit hervor. Einen zusätzlichen Reiz erhält die Auf ­nahme durch den geschichtsträchtigen Ort ihrer Entstehung: dem neuen Jo ­hann-Sebastian-Bach-Saal des Köthener Schlos ­ses, direkt gegenüber von Bachs einstiger Wirkungsstätte. Das regt dazu an, die Fan ­tasie schweifen zu lassen.

Norbert Hornig