Wunderlich modern

Als Mozart-Tenor ging er in die Ge ­schich ­te ein, als Liedersänger machte er von sich reden, und Bachs Passionen waren ihm Jahr für Jahr eine Herzensan ­ge ­legenheit. Wie sehr (und wie kompetent) sich Fritz Wunderlich aber auch für moderne Musik starkmachte, ist nach wie vor zu wenig im Bewusstsein nachgeborener Generationen verankert. Allein die Kom ­po ­nistennamen – Egk, Orff, Janácek, Stra ­winsky, Berg, Günther Raphael, Her ­mann Reutter oder Luigi Dallapiccola – vermögen eine Ahnung davon zu geben, wie sehr sich Wunderlich immer wieder mit Musik des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat.

Dass vieles nicht aufgezeichnet wurde, hing wohl schon damals mit der geringen Publikumsakzeptanz dieser Musik zusam ­men. Umso wertvoller ist jedes Doku ­ment, das auftaucht – ganz neu »Persepho ­ne« von Strawinsky, ein Melodrama, das Wunderlich nur in einer einzigen Rund ­funkproduktion (und dort live als Kon ­zert) sang, 1960 im Hessischen Rundfunk. »Sehr musikalisch«, wie die FAZ damals festhielt – was ja auch seiner Erzähler-Rolle entspricht, heißt Eumolpos doch: »der schön Singende«. Den ganzen Sil ­ber ­schmelz seiner Stimme sowie eine helle Strahlkraft in der Höhe setzt er für Stra ­winsky ein, was dem Werk prima bekommt. Zudem stand ihm mit Doris Scha ­de in der Sprechrolle der Göttin Perse ­pho ­ne eine der renommiertesten Schauspie ­le ­rinnen zur Seite, auf den großen Thea ­ter ­bühnen ebenso erfolgreich wie auf der Leinwand. Chöre und Orchester halten unter Dean Dixons souveräner Leitung derart engagiert mit, dass man hier einmal mehr staunt, auf welch hohem Ni ­veau die Rundfunkanstalten damals ihren kulturellen Bildungsauftrag ernst nahmen.

Werner Pfister