Musikalische Schmuckstücke

Vincent Dumestre hat eine Vorliebe für extreme Tempi und Klangeinstellungen. Selten hat man Monteverdis Madrigal „Hor che´l ciel e la terra« aus dem berühmten achten Madrigalbuch so gedehnt, zunächst so dunkel, später so grell gehört. Dumestre und sein Ensemble Le Poème Harmonique kümmern sich nicht um die dichterische Form von Petrarcas Sonett, das die Liebesqualen eines Individuums in einen Weltzusammenhang bettet, wohl aber um den Ausdruck. Wenn es heißt „Mein Herz ist im Krieg«, dann klingt das, als ob alle Mächte auf einmal kämpfen; und bei „…ist mir in meiner süßen Qual gegenwärtig« vernimmt man einen Tonfall von Selbstmitleid. Dumestre betreibt eine feinnervige Textausdeutung und handelt damit vollkommen aus dem Geiste Monteverdis.

Im „Combattimento di Tancredi e Clorinda« ist dieser opernhafte Stilo rappresentativo auf die Spitze getrieben. Man leidet förmlich mit dem Erzähler der Geschichte des Kreuzritters und Sarazenin Clorinda. Ihre letzten Worte „S´apre il ciel« – „Der Himmel öffnet sich« singt Isabelle Druet schon fast nicht mehr von dieser Welt. Ganz und gar diesseitig geht es dagegen in „La fiera di farfa« von Marco Marazzoli zu, einer fast hörspielartig realistischen Schilderung eines Marktgeschehens mit viel Raum für Improvisation und Stegreifkomödie. Aber es gibt auch musikalische Schmuckstücke in diesem gut halbstündigen „Intermedio«. Z. B. das satirische Goldfischlied zu einer melancholischen Flötenmelodie, in dem sich der Liebhaber wünscht, von seiner Geliebten in der Pfanne frittiert zu werden, und ein geistreiches direktes Monteverdi-Zitat aus dem „Combattimento«: „Amico hai vinto«.

Richard Lorber