Besonnen

Für ihr Debütalbum auf dem Archiv-Label hat die Koloratursopranistin Anna Prohaska sich neben Monteverdis »Lamento d´Arianna« Arien von Vivaldi, Händel, Purcell und Cavalli ausgesucht, die im weiteren Sinne etwas mit der Mystik und den Mythen des Waldes zu tun haben. Eine wirkliche gattungsspezifische Aufarbeitung des reizvollen Themas »Zauberwald« ist allerdings nicht zu erkennen; vielmehr bildet dieses Stichwort nur eine lose Klammer um Stücke, an denen Prohaskas Gesangskunst gut zu Geltung kommen kann. Und diesbezüglich hat der neue Shooting-Star in der Tat einiges zu bieten, angefangen von einem schönen Stimmmaterial über eine sehr zuverlässige, scheinbar unaufwendige Technik bis hin zu einer stilistisch recht differenzierten Gestaltung. Prohaska gehört zu jener Musikergeneration, die mit einer historisch informierten Aufführungspraxis aufgewachsen ist und an Monteverdi selbstverständlich anders herangeht als an Schubert oder Debussy. In der Alten Musik scheint ihr die italienische Oper (Cavalli, Vivaldi, Händel) besonders zu liegen, deren Arien sie mit einer bemerkenswerten Mischung aus weiten, tragfähigen Bögen und entspannter Tongebung gestaltet, wobei der sehr besonnene Umgang mit Vibrato besonderes Lob verdient. Für das englische Repertoire (Purcell) fehlt ihr allerdings noch etwas Understatement.

Einen erheblichen Beitrag zum sehr erfreulichen Gesamteindruck dieser Produktion leistet Arcangelo, ein junges englisches Barockorchester, das einen überzeugenden Beweis dafür liefert, dass eine vitale, emotions- und kontrastreiche Darbietung nicht auf Kosten der Klangkultur gehen muss, wie das bei vielen kontinentalen Ensembles leider immer häufiger der Fall ist.

Matthias Hengelbrock