Perfektes Duo

Es gibt wohl nur wenige Dirigenten, die ein solch umfassendes Repertoire auf Tonträger eingespielt haben wie Neeme Järvi. Da mutet es schon fast ein wenig merkwürdig an, dass die Ballette Tschaikowskys bislang auf seiner Liste fehlten. Doch wer darauf gewartet hat, darf sich nun freuen: Bei Chandos, dem Järvi schon seit langer Zeit verbunden ist, entstehen nun Gesamtaufnahmen der drei großen Ballettpartituren des Russen, und den Anfang macht das vorliegende Doppelalbum mit »Dornröschen«. In einem Interview verkündete Järvi unlängst, es habe ihm früher wenig Freude bereitet, Ballette zu dirigieren, da er lieber seinen eigenen Vorstellungen über die Musik folge als den Bewegungen der Tänzer. Mit dem Bergen Philharmonic Orchestra, Järvis Partner bei seinem Tschaikowsky-Projekt, muss sich der Dirigent jedoch nur auf die Partitur konzentrieren, und dies tut er mit Respekt gebietender Autorität.

Wer Järvis Interpretationsstil kennt, kann sich vorstellen, was ihn erwartet: ein energisches, temperamentvolles Musizieren, sachlich eher als überbordend emotional. Järvi folgt lieber den Vorschriften und Intentionen des Komponisten, als der Musik von außen zusätzliche Bedeutung aufzupfropfen. Unterstützt wird er dabei von dem in Hochform befindlichen norwegischen Orchester, einem ebenso transparenten wie luxuriösen Klangbild sowie, als besonderes Bonbon, dem Violinvirtuosen James Ehnes, der in einigen Passagen des zweiten und dritten Akts zu hören ist. Und auch wenn Järvi Tschaikowskys Musik als eigenständiges Orchesterwerk interpretiert, so kommt doch der tänzerische Schwung der Partitur keineswegs zu kurz, auch wenn vielleicht geschmeidigere Deutungen des »Dornröschen« vorstellbar wären.

Thomas Schulz