Gelungene Akkulturation

Der frankophilen Ader mancher Polen verdankt sich unter anderem, dass der Name Chopin heute mit nasaler Endung ausgesprochen wird. Neben dem Klaviergenie war es vor allem der Tenor Jan Mieczyslaw Reske, der unter seinem französisierten Namen Jean de Reszke als einer der größten Sänger seiner Zeit – zumal im französischen Repertoire – galt. Sein fast 120 Jahre jüngerer Landsmann Piotr Beczala hat sich für das vorliegende Album minutiös darüber informiert, wie Reszke sich die Partien von Meyerbeer, Gounod, Bizet und Massenet „durch eine sprachliche und musikalische Akkulturation angeeignet hat“. Der solches im Booklet formuliert, ist niemand anderer als der deutsche Chefdenker des Kunstgesangs Jürgen Kesting. Und Kesting liefert dem Rezensenten auch gleich einige Beurteilungskriterien mit, etwa hinsichtlich Beczalas zwar nicht wie damals üblich mit „voix mixte“, doch schlank und konzentriert gesungenem C in Fausts „Salut! demeure chaste et pure“ oder des klangschönen Pianissimo-b in Josés „Blumenarie“. Dies darf man vorbehaltslos unterstreichen; dennoch bleibt ein kleiner, unerfüllter Rest, vor allem hinsichtlich des Eindrucks, dass der Tenor den unverwechselbaren „Herzenston“ der früheren Tage im Zuge einer Dramatisierung seiner Stimme etwas drangegeben zu haben scheint; dass er stets brillant, aber nur in einigen Momenten wirklich ergreifend wirkt. Dies gesagt, darf man feststellen, dass Beczala heute auch im französischen Repertoire wohl kaum Konkurrenz zu fürchten braucht. Als Höhepunkt dieser CD erscheint uns das Saint-Sulpice-Duett aus Massenets „Manon“ mit Beczala in Hochform und einer grandiosen Diana Damrau, die im französischen Fach für unseren Geschmack sogar noch mehr zu Hause ist als beim italienischen Belcanto.

Gerhard Persché