Schnörkellos

Zum 100. Geburtstag von „Lady Day“ ein Album mit „The Music Of Billie Holiday“ – so der Untertitel –, das erscheint auf den ersten Blick nicht sonderlich originell. Zumal José James nicht der Einzige ist, der auf diese Idee kam. Dass sich ein männlicher Sänger eine Holiday-Hommage vornimmt, ist dagegen ungewöhnlich – uns fallen ansonsten gerade mal Chet Baker und Tony Bennett ein.

José James, der mit seinem geschmeidigen Bariton souverän und ohne sich festzulegen das Terrain zwischen Hip-Hop, Jazz und Neo-Soul erkundet, bleibt bei aller Innovationsfreude eben auch der Tradition verbunden. Nach dem vergleichsweise rockigen Album „While You Were Sleeping“ gibt er sich beim Holiday-Thema auf geradezu puristische Weise jazzig – und drückt genau dadurch den Songs der Jazzikone seinen persönlichen Stempel auf. Nur von einem erlesenen Klaviertrio unterstützt, zelebriert er die goldenen Tugenden der höheren Balladenkunst, nämlich Sparsamkeit und Langsamkeit.

Er bringt Songs wie „Body And Soul“, „Lover Man“, „God Bless The Child“ oder auch den Blues „Fine And Mellow“ zum Strahlen, indem er sie weiter entschleunigt und ansonsten seine sonore Stimme wirken lässt, die schnörkellos einfache Linien singt, mit allenfalls minimalen eigenen Wendungen. Jason Moran setzt sparsame Akkorde und perlende „single notes“, während John Patitucci und Eric Harland das Ganze so zurückhaltend grundieren, dass man genau hinhören sollte, um ihre rhythmischen Finessen nicht zu verpassen. Zum grandiosen Abschluss: „Strange Fruit“, als A-cappella-Klagegesang für James und virtuellen Chor. Ein einsames Händepaar markiert den Beat.

Berthold Klostermann