Insel-Romantik

Ralph Vaughan Williams (1872 bis 1958) hat auf dem Kontinent nie dieselbe Bedeu ­tung als Komponist erlangt wie auf der Insel. Während die Sinfonien des britischen Spä ­testromantikers dabei noch einige Bekanntheit genießen, ist sein Konzert für zwei Klaviere und Orchester – die eigene Umarbeitung seines Klavierkonzerts in C   – so gut wie unbekannt und hat auch auf dem Schallplattenmarkt kaum Spuren hinterlassen.

So ist es durchaus ein Verdienst von Yaara Tal und Andreas Groethuysen, das hörenswerte Werk nachdrücklich und gekonnt erneut zur Diskussion zu stellen. Das Konzert beginnt mit einer virtuos-perkussiven Toccata, die Assoziationen zu den Konzerten Bartóks erzeugt, gefolgt von einer klangsinnlichen Romanze, die in den Orchesterfarben auch zeigt, was Vaughan Williams möglicherweise bei seinen Studien mit Ravel gelernt hat. Eine grimmig-wilde »Fuga chromatica« geht schließlich über in das »Finale alla Te ­desca«. Doch bei diesem »deutschen« Tanz kommt lange Zeit keine ungetrübte Heiterkeit auf. Erst in der Coda kehrt Ruhe ein.

Das Duo Tal & Groethuysen entwickelt diese hoch emotionale Musik mit weiter Dynamik und einem großen Vorrat an Klang ­farben. Auch das Zusammenspiel mit dem schweizerischen Orchester funktioniert bestens. Ein gelungenes Plädoyer!

Weitaus bekannter ist Vaughan Williams´ fünfte Sinfonie, die zwischen 1938 und 1943 entstand und u. a. Material aus dessen religiöser Oper »The Pilgrim´s Progress« verarbeitet. Das Musikkol ­le ­gium Winterthur gibt unter Douglas Boyd dieser elegischen Fünften eine klangschöne und differenzierte Deutung, die sich gegen die Vielzahl der Einspielungen britischer Orchester sehr gut behaupten kann.

Gregor Willmes