Konsequent

Noch vor ein paar Jahren galt der so genannte Stutt ­gart Sound als revolutionär: Roger Norrington war es als langjährigem Chefdiri ­gen ­ten gemeinsam mit dem Ra ­dio-Sinfonieorchester Stutt ­gart des SWR gelungen, einen großen Klang ­körper nicht nur erstaunlich schlank klingen zu lassen, sondern mit den Musikern auch Erkenntnisse der historischen Auf ­führungspraxis umzusetzen. Noch immer sind in diesem Sinne die Einspielungen der Sinfonien von Mendelssohn und Schu ­mann besonders hörenswert (ebenfalls bei Hänssler erschienen), inzwischen ist man aber auch bei Bruckner und Mahler angekommen. Daher mutet die neu erschienene Einspielung zweier früher Schubert-Sinfonien wie ein »back to the roots« an. Und tatsächlich weiß Norring ­ton mit diesem Repertoire und seinem daran entwickelten Interpretationsansatz wieder zu überzeugen – sowohl was die Leichtigkeit der an Mozart anknüpfenden Fünften angeht wie auch den erhabenen Ernst der Vierten. Sympathisch offen arbeitet Norrington dabei das Bassfundament heraus, die Holzbläser jedoch klingen zu stark vor die Violinen gerückt. Vor allem gelingt es ihm, den recht eigenen und gelegentlich schwierig umzusetzenden Tonfall der Werke zu treffen, bei dem der noch recht lebendige Geist der Wiener Klassik von jugendlichem Über ­schwang und frühromantischer Sub ­jekti ­vität überformt wird. Norringtons vor zehn Jahren veröffentlichte Einspielung der Sinfonien mit den London Classical Players wirkt zwar frecher, ruppiger, teilweise gar revolutionär, mit den Stuttgar ­tern hingegen schreitet Norrington einen behutsam entwickelten Weg konsequent fort.

Michael Kube