Eindringlich

Manchmal beginnt er in den hohen, höchsten Lagen, dort, wo der Ton des Tenorsax schon dünn, fast faserig wird. Aber eine solch brüchige Schönheit, der gleichzeitig eine lichte Klarheit innewohnt, scheint Mark Turner wichtig. Denn Avishai Cohens Trompetenton ist schon geschmeidig genug, schmiegt sich eng an Turners Saxophon. Weitgehend zweistimmig spielen sich beide durch die überwiegend getragen melancholischen Songs.

Turners neue CD „Lathe of Heaven“ spannt einen weiten Bogen vom legendären Zweiergespann von Miles und Wayne Shorter bis hin zu Stevie Wonder. Freilich alles eingefärbt von Turners ganz eigenem Kosmos. Der versierte Joe Martin am Bass und Marcus Gilmore an den Drums stützen das musikalische Geschehen, durchwirken mit ihren Instrumenten die Musik. Immer noch ist eine Formation ohne die ausgewiesene akkordische Struktur einer Gitarre oder eines Klaviers ein besonderes Wagnis: „Einerseits erlaubt das eine zusätzliche Freiheit“, sagt Turner, „lädt dem einzelnen Musiker aber auch mehr Verantwortung auf. Mit einer Band wie dieser legst du dir besondere Beschränkungen auf – harmonische, rhythmische, auch in Hinsicht auf deinen Sound – um musikalisch starke Statements zu setzen.“ Tatsächlich klingt Turners Ensemble nie wie eine harmonisch ausgedünnte Formation. Vieles erschließt sich im Zusammenklang. Gerade seinen Bassisten Joe Martin, dessen Töne manchmal rhythmisch frei herumzustapfen scheinen, lobt Turner auch für sein harmonisches Gespür.

Eben noch hat der Saxophonist in Projekten von Enrico Rava, Stefano Bollani und Billy Hart gearbeitet, hier brilliert er durchgängig mit eigenen Kompositionen und setzt sich so eindringlich als einer der wichtigsten Saxophonisten seiner Generation in Szene.

Tilman Urbach