Frischzellen

Europa stürzt sich auf El Sistema, jenes Musikförderprogramm, das flächendeckend die Kinder Venezuelas mit klassischer Musik in Kontakt bringt. Die Botschaft ist nun mal zu erfreulich: Es geht weiter mit der guten alten Klassik – wenigstens in Südamerika. Und wer weiß, vielleicht pflanzt sich von dort der Funken der Begeisterung fort und schwappt über auf den Mutterkontinent der E-Musik, nach Europa. Im vergangenen Jahr waren 1.300 junge Musiker von El Sistema bei den Salzburger Festspielen eingeladen, eine Frischzellenkur allerersten Grades. Es gab Konzerte des nationalen Jugendorchesters und des „White Hands Choir“: Körperlich und geistig behinderte Jugendliche verbinden sich zu einem Chor, gehörlose Kinder mit weißen Handschuhen führen dazu eine Choreographie aus, angeleitet von einer Dirigentin. Das wurde alles in Bild und Ton aufgenommen und nun für alle veröffentlicht, die ebenfalls in diesen Jungbrunnen der klassischen Musik steigen wollen. Höhepunkt war sicherlich das Konzert des Jugendorchesters in der Felsenreitschule, das hier in voller Länge zu sehen ist. Simon Rattle, von Anbeginn ein großer Unterstützer des Projektes, dirigiert hier mit strahlendem Gesicht ein Ensemble, das in zehnfacher Bläserbesetzung aufläuft, die meisten der jungen Musiker können kaum über den Notenständer schauen. Bei Mahlers Erster macht Rattle es dann auch nicht allzu kompliziert, geht klanglich keine zu hohen Risiken ein. Beeindruckend ist anderes: wie natürlich und ungekünstelt hier Musik gemacht wird. Am Ende gibt’s den „Radetzky-Marsch“, der Saal tobt, Salzburg fühlte sich vermutlich so jung wie noch nie.

Clemens Haustein