Urtext-Bilder

Andrej Hoteev hat vor einigen Jahren mit einer Neufassung des dritten Klavierkonzertes von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky auf sich aufmerksam gemacht. Nun hat der Pianist und Musikwissenschaftler in den Archiven von St. Petersburg die Original-Manuskripte von Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ und den „Liedern und Tänzen des Todes“ ausgegraben. Beide Manuskripte weisen zahlreiche Abweichungen zu den bisher gebräuchlichen Ausgaben auf, welche Hoteev im Booklet zu der Aufnahme im Detail und in zahlreichen Abbildungen darstellt. Diese Abweichungen haben nach Auffassung Hoteevs im Fall der „Bilder“ ihre Begründung darin, dass der Zyklus erst fünf Jahre nach Mussorgskys Tod von dessen Freunden – Rimskij-Korsakow, Glasunow und Stassow – herausgegeben worden sei, die den „Autodidakten“ oftmals in gutem Glauben korrigiert und so beispielsweise auch manch moderne Harmonik eliminiert hätten.

Man muss schon sehr genau hinhören, um die zahlreichen kleinen Textänderungen aus dem dichten Gesamtsatz herauszuhören. Was hingegen viel stärker ins Ohr fällt, sind die teilweise anderen Pedalisierungen und Artikulationen, die manchen Satz im neuen Licht zeigen, sowie Hoteevs Tempi: Er betritt die Ausstellung in der eröffnenden „Promenade“ deutlich langsamer als üblich und hält diese Tendenz zur verdeutlichenden Langsamkeit durch. Das Erstaunliche dabei: Er nimmt den Bildern dadurch keineswegs ihre expressive Kraft. Sein Spiel besitzt Dynamik, Farbenreichtum und Intensität.

Bei den Liedern kommt noch hinzu, dass Hoteev mit Elena Pankratova einen dramatischen Sopran gefunden hat, der nicht nur aufgrund eines enormen Stimmumfangs alle vier Lieder in den ursprünglich notierten Tonarten singen kann, sondern dieses auch mit großer Ausdruckskraft vollbringt.

Gregor Willmes