Mit seinem erst dritten Gastspiel beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im April 2015 sorgte Sir Simon Rattle mit Wagners „Rheingold“ für einen späten Saisonhöhepunkt. Einfach alles stimmte: die Chemie zwischen dem Dirigenten und dem Orchester sowie die Sängerbesetzung. Mochte Wagner auch der Staatskapelle Dresden das schmeichelnde Attribut von der „Wunderharfe“ verliehen haben – an diesen beiden „Rheingold“-Abenden war es das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, welches sozusagen über sich hinaus wuchs und ungeahnte orchestrale Wunder und Wonnen vollbrachte.

Von allem Anbeginn an zielt Rattles Dirigat in Richtung eines musikalischen Konversationsstücks. Und um die Klangrede im Fluss – und unter Spannung – zu halten, wählt er vergleichsweise vitale Tempi. Das lebt und webt im Orchester, funkelt und leuchtet bereits im Es-Dur-Vorspiel, wo die (Klang-)Farben des Rheins hundertfältig durch sonniges Licht gebrochen werden. Und man möchte betonen: des noch jungen Rheins, der sprudelt und schäumt, kristallklar rein und noch unbelastet von späteren Schadstoffen. Genau in diesem Ton setzten die drei Rheintöchter ein – ein stimmlich wie auch im Ausdruck vorbildlich aufeinander eingespieltes Nixentrio (kaum zu glauben, dass zwei von ihnen kurzfristig eingesprungen waren). Einen markanten Gegenpol dazu bietet Tomasz Konieczny als Alberich: Mit kraftvoller, machtgebietender Stimme windet und krümmt er sich sozusagen durch alle Stadien des an ihm begangenen Betrugs. Seine höhnische Entsagung der Liebe, seine desillusionierte Verfluchung des Rings sind – auch rein stimmlich – mitreißende Höhepunkte in dieser Aufführung.

Aber genauso intensiv wirken dank Rattles magischer Gestaltung die vielen eher leisen, nachdenklichen, nach seelischer Innenschau ausgerichteten Stellen. Man staunt einmal mehr, wie viel im „Rheingold“ piano und pianissimo notiert ist – und wie faszinierend das sein kann. Unnachahmlich, wenn Wotan langsam aus seinen Träumen erwacht („Der Wonne seligen Saal“): Michael Volle intoniert das wie ein tagträumender Wanderer aus Schuberts Welten. Man hängt förmlich an seinen Lippen, versteht und genießt jedes Wort, kriegt jede durch Wortbedeutungen und Emotionen bedingte Schattierung seiner Stimme hautnah mit. Volles Wotan ist so ziemlich in allem das Gegenteil eines präpotenten Großmaules, obwohl er stimmlich durchaus ehrfurchtgebietend zulangen kann. Hört man ihn singen und sinnen, so spürt man zwischen den Zeilen und in Untertönen bereits jene Götterdämmerung, die zwei Theaterabende später sein Ende besiegeln wird. Großartig.

Ebenso Elisabeth Kulman als Fricka – auch das eine Rollendarstellung, die sich Erfahrungen aus dem Liedgesang fruchtbar zunutze macht, ohne oberflächliches Gattinnen-Gekeife, denn sie ist (auch stimmlich) eine Frau in besten Jahren, wohlüberlegt und hochdifferenziert im Singen und Sagen. Überhaupt möchte man das Phrase für Phrase bedeutungsintensiv ausgewogene Miteinander von Singen und Sagen als Richtschnur dieser Aufführung bezeichnen. Auch Burkhard Ulrich (Loge) und Herwig Pecoraro (Mime) exzellieren in dieser musikdramatischen Kunst, sodass ihre große Auseinandersetzung mit Wotan in der dritten Szene zu einem echt theatralischen Höhepunkt gerät. Und das Orchester spielt hier derart pointiert und lustvoll mit, dass man bei mancher Stelle meint, Rattle schmunzeln zu sehen. Als Zuhörer fühlt man sich fast wie in einem Märchen. Auch Fafner und Fasolt, Froh und Donner haben echtes Märchenformat, alle mit prächtiger stimmlicher Darstellungslust. Zudem ist der Mitschnitt klangtechnisch überragend gelungen – einerseits mit einem großräumigen Klangbild, worin sich die Musik jederzeit frei entfalten und ausschwingen kann, und andererseits mit einer Präsenz der Sänger, die der Handlung gleichsam eine szenische Unmittelbarkeit verleiht. Was möchte man mehr?

Werner Pfister