Alice Sara Otts neues Recital kombiniert Edvard Griegs Opus 16 mit einem Dutzend der bekannteren seiner „Lyrischen Stücke“. Sein auf den ersten Blick etwas merkwürdiger Titel „Wonderland“ spielt natürlich auf Lewis Carrolls berühmtes Kinderbuch „Alice im Wunderland“ an, das 1865 erschien, im selben Jahrzehnt, in dem Grieg die ersten seiner „Albumblätter“ und sein unvermindert populäres Klavierkonzert schrieb.

Die jetzt 28-jährige Deutsch-Japanerin macht gleich mit der Eröffnungskadenz ihres Münchner Konzertmitschnitts deutlich, dass es ihr bei diesem Paradestück konzertierender Pianisten nicht primär um die virtuose Show geht. Sie nimmt jede Note Griegs ernst und artikuliert mit nachdrücklicher Gewissenhaftigkeit. Ihre Interpretation, klangvoll und aufmerksam vom Orchester unter Esa-Pekka Salonen getragen, wirkt von A bis Z überzeugend durchdacht, wohl aber statischer und weniger durchschlagskräftig als die Aufnahme mit Javier Perianes, andererseits jedoch energischer, als man es von dem sensiblen Herbert Schuch hört – um nur zwei der jüngeren Grieg-Konkurrenten zu nennen.

Auch die kostbaren Miniaturen Griegs sind bei der ehemaligen Kämmerling-Schülerin in guten Händen. Natürlich wird niemand erwarten, dass die kurzen Stücke von ihr, wie einst von Gilels, als ein wehmütiger Blick zurück auf eine „besonnte Vergangenheit“ gedeutet werden. Otts Sicht ist durchaus unverklärt, sie bemüht sich um entschiedene Herausarbeitung der Charakteristika jedes einzelnen Titels vom „Schmetterling“ über den „Zug der Zwerge“ bis zum berühmten „Hochzeitstag auf Troldhaugen“. Aber ausgerechnet bei diesem Schlussstück ihres Recitals weicht sie ein einziges Mal von ihrer sonst so natürlichen Gestaltungsweise ab: Sie zieht das Tempo an mehreren Stellen so extrem an, dass es klingt, als stiebe die festliche, im Freien feiernde Gesellschaft auseinander, um sich vor einem plötzlichen Regenguss in Sicherheit zu bringen.

Ingo Harden