Faszinierend

Seine beiden Klarinetten-Meisterwerke, das Quintett KV 581 und das Konzert KV 622, schrieb Mozart für den Klarinettisten Anton Stadler. Der hatte 1788 eine in der Tiefe um vier Halbtöne erweiterte Klarinette vorgestellt, die in Wien als »Baß-Klarinett« angekündigt wurde. Sowohl Quintett als auch Konzert sahen ursprünglich dieses Instrument vor. Von beiden Stücken gingen die Autographe verloren, wie auch Stadlers Klarinette, die sich nicht durchsetzte. In Erstdrucken aus dem Jahre 1802 sind die Solostimmen für die normale Klarinette eingerichtet, so wie die Stücke auch heute noch gespielt werden. Um 1950 ließ sich der Prager Klarinettist Jirí Kratochvíl eine entsprechend in der Tiefe erweiterte Klarinette bauen, die er als Bassettklarinette bezeichnete. Mit ihr stellte er in den Folgejahren rekonstruierte Fassungen des Quintetts und des Konzerts vor, zahlreiche Interpreten folgten mit Aufführungen und Schallplatteneinspielungen. Zweifellos bereichert das tiefste Register den ohnehin schon üppigen Farbenreichtum der beiden Stücke ungemein, und so entschied sich auch Sharon Kam bei den vorliegenden Neuaufnahmen für die Bassettklarinette. Abgesehen davon, dass sie es brillant versteht, die erweiterten Möglichkeiten in Sze ­ne zu setzen, gelangen ihr faszinierende In ­terpretationen im Spannungsfeld zwischen inniger Musikalität und zupackendem Tem ­perament. Sowohl das von ihr geleitete Or ­chester als auch die Quintettpartner bestechen durch lebhafte musikalische Dialoge, die von Tonmeister Eberhard Hinz beispielhaft eingefangen wurden.

Holger Arnold