Gütesiegel Heimbach

Knapp 70 Jahre, zwei Weltkriege und unzählige gefühlte Mentalitätsverschiebungen liegen zwischen Peter Tschaikowskys dritten Streichquartett und dem zweiten Klaviertrio von Dmitrij Scho ­s ­ta ­kowitsch. Diese beiden Werke liegen als Mit ­schnitt des letztjährigen Heimbach-Kammermusikfestivals vor, das allein mit dieser Produktion seinem Namen »Spannun ­gen« einmal mehr alle Ehre macht. Die Interpreten, die Tetzlaff-Ge ­schwis ­ter, Antje Weithaas, Tatjana Masurenko, Gustav Rivinius und Nestor Lars Vogt, zählen längst zum Eifler Stamm ­personal. Bemerkenswert, dass sich in den mittlerweile zehn Jahren seit Festival-Gründung nicht einmal durch die Hintertür des Was ­serkraftwerks irgendeine ölige Routine eingeschlichen hat. Beide Werke klingen unverfälscht und frisch, selbst in den melancholischen Verästelungen bei Tschaikowsky, vor allem im dritten Satz, einem herben Trauermarsch. Man fragt sich, wie er im Finale plötzlich diesen heiteren Ton aus dem Kom ­ponier-Hut gezaubert hat. Die technisch fiese Einleitung im Schostakowitsch-Trio gelingt den Musikern ebenso überzeugend wie die daraus entstehende sanfte Motorik, die sich im zweiten Satz ins Schroffe wendet. Das Allegretto-Finale deuten sie aus einer Mischung von geheimnisvoller Statik und toten ­tanzähnlicher Bewegung. So entsteht jene Eindring ­lichkeit, die der Hörer seit Jahren aus Heimbach gewohnt ist und die man inzwischen als eigenes Gütesiegel begreifen kann.

Christoph Vratz