Illustre Gäste

 

Im September vergangenen Jahres dirigierte Valery Gergiev mit dem Chor und Orchester des St. Petersburger Mariinsky-Theaters Donizettis Wahnsinns-Hit. Eine konzertante Aufführung, die als Mit ­schnitt nun in der Reihe der Mariinsky-Veröf ­fent ­lichungen vorliegt. Dass das Haus im Umgang mit Donizetti wohl nicht einen derart routinierten Umgang hat wie italie ­nische Opernbühnen, muss nicht a prio ­ri ein Nachteil sein und hat zumindest den einen Vorteil, dass die Oper strichlos geboten wird (wer macht das schon in Ita ­lien?). Das Orchester setzt ganz auf seinen vollklingenden, romantischen Sound – mit schwerem, aber weich gerundetem Blech und präsenten Holzbläsern, wogegen die Streicher etwas dünn klingen.

Die Sängerpartien sind fast ausschließlich mit Ensemblemitgliedern des Ma ­riins ­ky-Theaters besetzt, wobei Vladislav Sulimsky als Enrico mit einem dunkel timbrierten, ebenso kraftvollen wie höhen ­sicheren Bariton aufwartet – ein Sän ­ger von Format. Für die beiden Haupt ­par ­tien wurden illustre Gäste eingeladen: Natalie Dessay und Piotr Beczala. Aller ­dings fielen ihre Leistungen höchst ungleich aus. Während sich Beczala mittlerweile auf dem Zenit seiner stimmlichen Entwicklung befindet, mit lyrischem Wohl ­klang, Edeltimbre und strahlkräftigem Tenorglanz aufwartet und das bis in höchs ­te Lagen hinauf, scheint Natalie Des ­say diesen Zenit wohl bereits überschritten zu haben. Unter Druck tremoliert ihr Sopran derart, dass einem schwindlig werden könnte. Die Spitzentöne sind eine Qual, die Beweglichkeit in den Kolora ­tur ­gir ­landen lässt oft zu wünschen übrig, und in Piano-Phrasen klingt die Stimme immer wieder dünn – »un fil di voce«, mehr nicht.

Werner Pfister