In allen Sätteln gerecht

Vor zwölf Jahren nahmen Daniel Barenboim und der 2003 gestorbene palästinensische Pro ­fessor Edward Said die Gründung des West-Eastern Divan Orchestra in Angriff, um junge Musiker aus Israel und anderen Ländern des Nahen Ostens zusammenzuführen und auf der Basis des gemeinsamen Musizierens zu einem besseren interkulturellen Verständnis zwischen Palästinensern und Israelis beizutragen. Das anfangs vielfach mit Skepsis betrachtete Pro ­jekt hat inzwischen eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte geschrieben, zu deren Höhepunkten das weltweit im Fernsehen übertragene Konzert in Ramallah 2005 und die Auszeichnung mit verschiedenen Preisen gehören.

Dass hier nicht nur in Sachen Völkerverständigung, sondern auch musikalisch hervorragende Arbeit geleistet wird, dafür steht der Name des Chefdirigenten Daniel Barenboim. Und davon zeugt die jüngste CD, die das Orchester anlässlich seiner   diesjährigen Arbeitsphase mit anschließender Tournee und seines Wechsels zum Label Decca herausgebracht hat. Tschai ­kowskys »Pathétique« erfährt eine ungemein klangschöne, klassische Wiedergabe, die der Klarheit der Struktur den Vorzug vor ungezügelter Emotionalität und plakativen Effekten gibt. Besonders hervorzuheben sind die exzellenten Bläser, während die Streicher hier und da noch etwas mehr De ­tail ­schärfe vertragen könnten. Etwas gewöhnungsbedürftig mag die Koppelung mit Schönbergs Orches ­terva ­ria ­tionen erscheinen. Doch die jugendlichen Spieler erweisen sich als in allen Sätteln gerecht und widmen sich der spröden Zwölf ­tonkomposition mit gleichem Ernst und gleicher Über ­zeugung wie Tschaikowskys Seelenerguss.

Peter T. Köster