Innig

30 Jahre nach seiner ersten Ein ­spie ­lung hat Philippe Herreweghe die Bach-Motetten noch einmal für sein neu gegründetes Label Phi aufgenommen – wiederum mit seinem Collegium Vocale,   das diesmal allerdings andere Sänger als damals umfasst. Dabei ging es ihm nicht darum, die ältere Interpretation in Frage zu stellen oder eine umwälzende Sicht ­weise zu präsentieren. Herreweghe ist kein Revoluzzer, sondern ein behutsamer Sucher. Er nutzt die jüngeren Erkenntnisse der Bach-Forschung, ohne dogmatisch zu sein: Manche Motetten – wie das wahrhaft herzerweichende »Komm, Jesu, komm« – sind solistisch besetzt, andere mit zwei Sängern pro Stimme (beziehungsweise drei im Sopran).

Auch die instrumentale Begleitung variiert vom schlanken Colla-parte-Spiel bis zur fast schon orchestralen Farbigkeit der Motette »Fürchte Dich nicht«, bei der Bläser und Streicher den Kontrast der beiden Chöre unterstreichen.

Der flexible Ansatz in der Besetzung korrespondiert mit einem ganz natürlichen Musiziergestus: Alle Phrasen orientieren sich am Ausdrucksgehalt und den Betonungen des Textes; manche Wörter werden genüsslich ausgekostet und geradezu vokal geknetet. Das wirkt alles sehr sorgfältig und mitunter auch liebevoll und innig, aber niemals manieriert.

Selbst an sehr expressiven Textstellen (»...wie es kracht und blitzt«) verbittet sich Herreweghe jegliche Übertreibung. Und das wäre dann auch schon – neben ein paar Problemen in der Mischung von Sopran und Bläsern bei »Fürchte Dich nicht« – der einzige echte Einwand: dass dieses wunderbare Ensemble mit   seinen vorzüglichen Einzelstimmen, seiner Homogenität und seinen herrlich lupenreinen Akkorden auf Dauer vielleicht ein bisschen zu makellos schön klingt, um wahr zu sein. Denken Sie sich dafür ein kleines Minus beim fünften Stern.

Marcus Stäbler