Jugendlich

Nach ihrem Beitrag zum Chopin-Jahr legt Lise de la Salle pünktlich zum 200. Geburtstag Liszts ein Jubiläums-Recital vor, das hochkarätige »Original ­werke« und charakteristische Transkriptionen reiz ­ ­voll kombiniert. Die junge Französin, auch hierzulande Beobachtern der Klavierszene seit Langem ein Begriff, obwohl sie bei der Aufnahme im vergangenen Januar erst 22 Jahre alt war, zeigt in ihrem Klavierspiel alle Vorzüge der Jugendlichkeit. Es wirkt in der ausgezeichnet klingenden Aufnahme aus dem Sendesaal von Radio Bremen prächtig offen und unforciert, lässt manuell keinen Wunsch unerfüllt und bleibt überdies erfreulich eng am Text – so stiehlt sie, um nur ein Beispiel zu geben, den langen Pausen gleich zu Anfang der eröffnenden »Dante-Sonate« kein einziges Sech ­zehntel ihrer Dauern.

Zweites Merkmal der neuen de-la-Salle-Aufnahme ist die unaffektierte Natürlichkeit des Musizierens, das dabei eine gewisse Distanz zu Rhetorik und Pathos hält. Dieser unbelastet virtuose Zugriff weckt Sympathie, geht allerdings nicht selten auf Kosten der Intensität: Der hymnischen Melodie am Schluss der h-Moll-Ballade fehlt es etwas am Brust ­ton der Über ­zeugung, die Rezitativstelle der Mazeppa-Etüde bleibt blass (wie schon dem Anfang die aufpeitschende Schärfe genommen ist), und auch ohne beispielsweise die (allerdings extrem artifizielle) Version von Igor Kamenz zu kennen, klingt de la Salles »Widmung« von Schumann/Liszt fast harmlos. Und so weiter und so fort.

Doch für sich genommen ist ihr Liszt-Tribut aus einem Guss, insgesamt dokumentiert die CD das augenblickliche Entwick ­lungs ­stadium einer jungen Premium-Pianistin auf weit mehr als dem halben Weg vom Wunderkind zur eigenprofilierten Künstlerin.

Ingo Harden