Gute Manieren

Johannes Brahms hängt der Ruf an, der große Melancholiker unter den Komponisten zu sein. Aber ist er wirklich so ausschließlich melancholisch, wie ihn die Musiker des Boviart-Trios begreifen? In ihrer Aufnahme des Klarinettentrios op. 114 hellt sich die Stimmung allenfalls im Andantino grazioso zu einem wehmütigen Lächeln auf. Im Schlusssatz, der auch frischen Mutes voranschreiten könnte, herrscht dann schon wieder betrübte Wucht. Das Spiel der drei Musiker ist jedoch beeindruckend kultiviert, perfekt aufeinander abgestimmt, lieber ein Zuleise als ein Zulaut. Hinzu kommt der warme Mantel, den der Pianist Gerhard Vielhaber mit weichem Spiel um den Ensembleklang breitet. Das klingt insgesamt kostbar und doch auch ein wenig skrupulös. Der Weg vom Zögerlichen, Vorsichtigen zu einem selbmitleidigen, temperamentarmen Höhere-Töchter-Ton ist bei diesem Brahms jedenfalls nicht weit.

Die sorgfältige Kultivierung lassen die Boviart-Leute auch Beethovens Trio op. 11 zukommen: Luftig und leicht, als wär´s von Mozart, ist der Eingangssatz. Das liedhaft-einfache Adagio wird dagegen zum romantischen Traumgebilde: sehr stockend und sehr zerbrechlich – und lässt dabei an einen Beethoven denken, der Stickstoff eingeatmet hat und nun mit süßlicher Ammenstimme spricht.

Die guten Manieren geben die Musiker nur bei den beiden modernen Stücken auf: in gleißenden Klangfarben schimmernd das Trio von Violeta Dinescu und zuweilen derb stampfend Gilad Hochmans »Shedun Fini«, ein Stück inspiriert von Schuberts »Unvollendeter«. Da sieht man dann auch mal schmutzige Hände und riecht Öl.

Clemens Haustein