Eigenständig und virtuos

Hardy Rittners jüngste CD mit allen 27 Etüden Chopins gehört ohne Wenn und Aber in den immer noch relativ kleinen Kreis restlos überzeugender Aufnahmen der großen romantischen Kla ­vier ­standards auf Instru ­men ­ten der Entstehungszeit.

Klar, sein Instrument, ein um 1835 gebautes Wiener Pianoforte von Conrad Graf, besitzt das charakteristische Timbre der alten Hammer ­flügel. Es lässt sich aber offenbar virtuos herannehmen, ohne darauf gleich mit all den klanglichen oder mechanischen Unvollkommenheiten zu reagieren, die so viele Klavierfans nach wie vor skeptisch auf Aufnahmen mit altem Gerät blicken lassen. Und Rittner, Anfang dreißig und gerade erst mit historisierendem Brahms eindrucksvoll hervorgetreten, spielt die meisterhaften Würfe des jungen Chopin mit einer Virtuosität, die sich ohne Weiteres dem Vergleich mit erstrangigen »modernen« Einspielungen stellen kann – auch, um die beiden derzeit gängigsten Referenzen zu nennen, mit denen Pollinis (1971) und Perahias (2001).

Mag sein, dass man hier und da ein Pianissimo oder einen Vorschlag mehr erahnen muss als wirklich hört: An Groß ­zü ­gigkeit des Zugriffs und am Schlagen weiter Melodiebögen ist sein Spiel der Konkurrenz oft überlegen. Vor allem aber legt er hier eine Lesart vor, die vom ersten bis zum letzten Takt fantasievoll frisch und eigenständig wirkt und ihn nicht selten zu überraschenden, aber immer schlüssigen Textaus ­le ­gungen gelangen lässt. Vielleicht am eindrucksvollsten in der berühmten E-Dur-Etüde op.  10 Nr.  3, der Rittner durch das Ernstnehmen der Mittelstimmensynkopen überzeugend neue Bewegtheit und Dringlichkeit mitgibt, oder durch die Rubato-Deklamation des oft unterschätzten f-Moll-Stücks aus demselben Opus 10, das er auf diese Weise zu einmalig »spre ­chender« Intensität gelangen lässt. Glänzend, hörenswert!

Ingo Harden