Mit Eckpunkten

Seit einigen Jahren wird in Fribourg an einem Pro ­jekt zur Musik in schweizerischen Klöstern gearbeitet, das bereits für einige wirklich interessante Veröffent ­li ­chun ­gen die Verantwortung trug. In diesem Fall rückt die Schüler-Lehrer-Beziehung zwischen Heinrich Schütz in Dresden und Giovanni Gabrieli in Venedig in den Blick. Aufgrund der besonderen architektonischen und auch akustischen Bedingungen des Markusdoms experimentierte insbesondere Gabrieli mit der Doppel- und Mehr ­chörigkeit, die Schütz in seinen Lehr ­jahren dort kennen gelernt und – wie seine Psalmen Davids belegen – verinnerlicht hat.

Da sich mehrchörige Kompositionen akustisch nur schwer ohne Verluste aufnehmen lassen, ging man hier einen Schritt weiter. Die Klosterkirche Muri sorgte trotz anderer akustischer Eigen ­heiten als der Markusdom für ideale Bedingungen. Auf vier Eckpunkten der Emporen, partiell sogar noch unter Einbeziehung eines mittigen Punktes unten wurden die unterschiedlich besetzten Chöre je nach musika ­lischen Bedürfnissen postiert. Die Koor ­dination der weit auseinanderstehenden Musiker bereitet naturgemäß allerhand aufführungspraktische Proble ­me, die Jo ­hannes Strobl aber hörbar sehr gut in den Griff bekommen hat. Jedenfalls wurde so eine Breiten- und Tiefenstaf ­fe ­lung möglich, die gewiss die eigentliche Beson ­der ­heit dieser CD ausmacht. Dass sich diese nicht unbedingt auf die Trenn ­schärfe auswirkt, sei nicht verschwiegen. Dafür aber breitet sich bereits beim Hören auf zwei Kanälen eine prachtvolle Atmosphäre mit herrlich trocken knarzenden Bläsern und einer mitunter verstärkend brausenden Orgel aus, die erst bei mehrfachem Hören ihr klanglichen Meriten preisgibt.

Reinmar Emans