Prachtsstimme

Wie sehr sich die Zeiten auf dem Tonträgermarkt geändert haben, zeigt folgendes Beispiel: Da singt ein längst weltberühmter Bariton seit bald 25 Jahren und muss über 50 werden, bis er sein erstes Recital aufnehmen kann. Der Bariton heißt Michael Volle, einer der erfolgreichsten Wagner- und Richard-Strauss-Sänger. Ausgerechnet Strauss fehlt hier (wie gerne würde man seinen Barak hören), aber Wagner hat er in sein Recital eingebaut, Amfortas, Sachs und Wolfram, und er singt das mit exemplarischer Stimmführung, mit balsamischem Wohlklang und ebenso vorbildlicher Wortdeutlichkeit. Eine ähnlich gute Figur macht Michael Volle mit zwei englisch gesungenen »Messias«-Arien sowie mit drei Schubert-Liedern (in Orchesterfassungen): eine Prachtsstimme, die sich auch in diesem Repertoire vorbildlich bewährt.

Dasselbe würde auch vorbehaltlos für seinen Mozart (Don Giovanni, Figaro) und Verdi gelten (Don Carlo, Falstaff). Doch hier melden sich andere Vorbehalte – nämlich gegenüber der so deutschstämmigen italienischen Diktion. Da knattern die aspirierten th und c (kh) oder ch (kh) derart, dass sie das italienische Sprachmelos zumindest für meine Ohren empfindlich stören. Doppelt schade, weil Michael Volle eine für Verdi durchaus prädestinierte Baritonstimme vorzuweisen hat – gut fokussiert, warm timbriert und mit mächtigem Höhenglanz gekrönt. Besser gelingt das »Confutatis« aus dem Verdi-Requiem (obwohl eine schwarze Bass-Tiefe fehlt), und auch hier zeigt Michael Volle auf beeindruckende Weise, wie man Verdi legato singen kann. Wenn man es denn kann.

Werner Pfister