Eindringlich

Eine gute Balance aus Gefühl und Verstand, aus geistiger Durchdringung und Leidenschaft gehört zu den wichtigsten Schlüsseln für eine zwingende Interpretation. Das Quartetto di Cremona hat ihn gefunden, wie es auch die dritte Folge ihrer Einspielung der Beethoven-Streichquartette wieder belegt. Auffällig sind etwa die perfekt getimten Zäsuren innerhalb der Sätze, mit denen das Ensemble die Partitur in ihre Sinnabschnitte gliedert. Diese analytische Klarsicht paart sich mit einem großen Reichtum an Farben, Charakteren und Emotionen. Nehmen wir etwa das Adagio aus op. 59,1, in dem die Streicher einen wehmutsvollen Gesang anstimmen: voller Herzenswärme und edlem Klang, aber ganz intim. Trotz der mitunter orchestralen Anmutung der Musik – mit der Beethoven die Gattung Streichquartett an der Wende zum 19. Jahrhundert aus der privaten Kammer in den öffentlichen Konzertsaal führte – wahrt das Quartetto di Cremona einen innigen Ton und spielt fein nuanciert. Auch im frühen op. 18,4: Der Mittelteil des Andante lebt etwa von subtilen Farbunterschieden zwischen einem weichen und einem etwas kernigeren Piano.

Viel schroffer dagegen die Kontraste in der „Großen Fuge“, die vom vibratolosen Flüstern bis zu explosiven Attacken eine gewaltige Spanne aufreißt. Hier geht das Ensemble immer wieder an die Grenzen des traditionellen Schönklangs – ganz im Sinne von Beethovens vielleicht verstörendstem Spätwerk, in dem die
Extreme auf die Spitze getrieben sind. Auch dort finden die Italiener die richtige Mischung aus Kontrolle und Hingabe – und fördern die existenzielle Dringlichkeit der Musik zutage.

Marcus Stäbler